Zwei unterschiedliche Darstellungen wurden am gestrigen Montag der 5. Schwurgerichtskammer des Landgerichts Tübingen präsentiert – die eine war die des Angeklagten: Er habe vor rund einem Jahr bei einem Mitbewohner einer Asylbewerberunterkunft in Reutlingen Haschisch gekauft. Das Marihuana sei aber schlechter Qualität gewesen, weswegen der 40-jährige Angeklagte das Rauschgift zurückgeben wollte.

20 Euro Drogengeld Grund für Auseinandersetzung

Der vermeintliche Dealer aber habe auf das Geld bestanden. Die 20 Euro habe er immer wieder eingefordert. „Es entstand Feindseligkeit zwischen uns, er hat mich mehrfach bedroht“, sagte der angeklagte Syrer, der 2015 nach Deutschland gekommen war. Eine Schule habe er nicht besucht, auch keine Ausbildung gemacht. Von Afrin bei Aleppo sei er mit seiner Familie in den Libanon geflohen, aber auch im Nordirak gewesen und in der Türkei. Dort habe er beschlossen, nach Europa zu gehen. „Das war mein größter Fehler, ohne meine Familie nach Deutschland zu kommen“, sagte der 40-Jährige am gestrigen Montag im Landgericht.

Unterschiedliche Streitpunkte: schlechte Qualität, aggressives Verhalten oder fehlendes Geld

An dem Tattag, also am 18. Oktober vergangenen Jahres, habe der Angeklagte wie behauptet tatsächlich eine Creme auf einen Stuhl und auf den Boden vor seinem Zimmer geschmiert. Warum? Weil dort der beste WLAN-Empfang auf dem Stockwerk gewesen sei und die Mitbewohner sich stets dort versammelt hätten, wenn sie irgendwas im Internet auf ihren Smartphones sehen wollten. Der Syrer sei an diesem Tag gegen 16 Uhr in die Gemeinschaftsküche gegangen, um sich einen Tee aufzubrühen.

Der 25-jährige Gambier „kam und hat mich beschimpft, ich habe ihn aber nicht verstanden, ich ging in mein Zimmer, er hinter mir her, er hat mich bedroht, mir zwei oder drei Schläge versetzt und mich gegen die Tür geschleudert“, so der Angeklagte.

Es steht Aussage gegen Aussage

Dann habe er eines von vier herumliegenden Tischbeinen gepackt und einmal zugeschlagen. „Ich habe nicht gesehen, dass da eine Schraube oben aus dem Tischfuß herausschaute.“ Einen zweiten Schlag habe er aber nicht ausgeteilt. „Es ist eine Lüge, dass ich ihn gegen den Kopf geschlagen haben soll.“

Der 40-Jährige sei nach seinem Angriff selbst mehrmals mit einem Stuhl attackiert worden. Er habe keinen Schlag gegen den Kopf des Opfers geführt, nie und nimmer habe er eine Tötungsabsicht gehegt. „Ich hatte doch gar keinen Grund, Streit anzufangen, ich war doch damit beschäftigt, mir Papiere für die Rückkehr nach Syrien zu besorgen.“

Ein Schlag gegen den Kopf aus dem Nichts

Die Tatbeschreibung des Opfers war aber eine ganz andere: Was der Syrer erzählt habe, sei ganz einfach gelogen. Als nämlich der Angeklagte die Creme auf Stuhl und Boden geschmiert hatte, habe der Gambier ihn gefragt, was er da mache. Eine Antwort habe der 25-Jährige aber nicht erhalten und sich daraufhin entfernt. Als er wiederkam, um auf seinem Smartphone einen Film anzusehen, habe er aus dem Nichts heraus einen Schlag mit einem Stock gegen den Kopf erhalten. „Dem zweiten Schlag habe ich mit der rechten Hand abgewehrt, aber die Schraube vorne dran bohrte sich in meine Hand und blieb da stecken.

Trümmerbruch, Platzwunde und Sehneverletzung

Ein Trümmerbruch mit Sehnenverletzung war die Folge, zweimal musste der Gambier operiert werden. „Ich kann den kleinen Finger heute noch nicht beugen und habe immer noch Schmerzen.“ Am Kopf hatte er im Übrigen auch noch eine sieben Zentimeter lange Platzwunde, die genäht werden musste. Der Angeklagte sei im Übrigen schon mehrfach auch anderen Mitbewohnern aufgefallen, „er war aggressiv“, so der Gambier. Und der Syrer habe in seinem Zimmer auch schon mal Feuer gelegt. Die Staatsanwaltschaft wertete den Angriff des 40-jährigen Angeklagten als „versuchten Mord in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung“. Wie die Verhandlung weitergeht, ist am Donnerstag dieser Woche an gleicher Stelle zu erfahren.