Es ist ein ungewöhnlicher Fall für den psychiatrischen Sachverständigen Dr. Peter Winckler. Statt eines Häufchens Elend saß er beim ersten Gespräch einer Frau gegenüber, die fröhlich, locker und zugewandt wirkte. Die ihre Ehe nicht als gescheitert ansah, obwohl sie drei Monate zuvor versucht hatte, ihren Ehemann mit Insulin zu töten. „Das machte mich innerlich sprachlos“, sagte er vor dem Landgericht.

Erstaunt war er zudem über den Bericht der Klinik, in der die Frau nach der Inhaftierung für einen Monat untergebracht war, aus Angst, sie könne sich etwas antun. Sie habe sich von Anfang an angepasst, rasch integriert, Kontakte geknüpft und sei bereits in den ersten Tagen ausgeglichen und fröhlich gewesen, fasste er zusammen. Für ihn passte das nicht zur objektiven Situation. Für die Angeklagte schon. Sie gab an, sie habe sich 20 Jahre unter Druck gesetzt gefühlt, sich in einem freien Gefängnis befunden und fühle sich im Vollzugkrankenhaus das erste Mal frei. Ein anderes Bild zeigte sich im Oktober beim letzten Gespräch des Gutachters. Da ging es ihr psychisch schlecht, vor allem weil sie ihre Kinder nicht sehen konnte. Die Ehe sah sie da als beendet an.

Für Winckler ist die Biografie der Frau erstaunlich unauffällig, zumindest vordergründig. „Wir haben hier eine Problematik, die sich sehr stark auf die eheliche Situation bezieht“, betonte der Gutachter. Was sie als junges, unreifes und unerfahrenes 19-jähriges Mädchen zunächst an ihrem Mann anziehend fand, kippte, als sie älter wurde. Warum sie die Konflikte nicht gelöst oder sich nicht getrennt haben, bleiben für ihn offene Fragen. Die Probleme lägen nicht in einer psychischen Erkrankung, wie Schizophrenie, oder in einer Suchtkrankheit, sondern in ihrer Persönlichkeit. Sie ignoriere unliebsame Dinge, könne mit Schwierigkeiten nicht konstruktiv umgehen, neige dazu, Geschichten zu erfinden, um Aufmerksamkeit zu erhalten. Sie agiere und manipuliere mit betrügerischer Intention.

Mitangeklagte bereut

Winckler fühlte sich in den Gesprächen von der Hauptangeklagten nicht manipuliert, wie er auf Nachfrage des Vorsitzenden Richter Ulrich Polachowski sagte. Die Mitangeklagte aber sehr wohl. Unter Tränen und schluchzend äußerte sie sich am vierten Prozesstag erstmals zu den Vorwürfen. Sie entschuldigte sich beim Ehemann und den Kindern. „Was ich getan habe, bereue ich zutiefst“, sagte sie weinend und gab zu, das Insulin an ihre Kollegin geschickt zu haben. Kennen gelernt haben sie sich auf dem Reutlinger Polizeirevier im Jahr 2015. Sie haderte damals mit ihrer Diabetes-Erkrankung und beruflichen Problemen. Dienstlich hatten die Frauen ab und an miteinander zu tun und schrieben sich gelegentlich Nachrichten per Whats App. Sie trafen sich nie privat, weshalb sie auch den Ehemann nicht persönlich kannte.

„Ich wusste nicht, was ich tun sollte.“

Nach und nach öffnete sich die Kollegin ihr gegenüber, sprach von den Problemen in der Ehe. „Ich habe ihr vertraut und ihren Erzählungen geglaubt.“ Erst im Nachhinein habe sie von den Lügen erfahren. Die Anspielungen auf den Mord am Ehemann nahm sie nicht ernst, dachte nur, sie würde Dampf ablassen. Mit der Zeit fühlte sie sich immer hilfloser, weil sie der Kollegin nicht helfen konnte. „Sie forderte meine Hilfe ein, aber ich wusste nicht was ich tun sollte, es war furchtbar“, schluchzte sie. Schließlich schickte sie ihr das Insulin, das die Hauptangeklagte immer wieder verlangte. „Es war ein unverzeihlicher Fehler, den ich verdrängt habe.“

Die Tochter habe sie am Tattag nur beruhigt, weil die Kollegin behauptet hatte, sie sei mit ihrem Mann im Krankenhaus gewesen und er wegen der Insulinspritze behandelt worden. „Für mich heute unerklärlich, hat der Verlauf eine Eigendynamik entwickelt, der ich mich nicht entziehen konnte.“ Sie habe das Gefühl, eine andere Person habe damals gehandelt und nicht sie.

Gutachter glaubt der Hauptangeklagten nicht

Eine verminderte Schuldfähigkeit sieht der Sachverständige bei der Hauptangeklagten nur, wenn das Gericht ihrer Aussage folgt. Dann könne man es als Tat im Affekt sehen. Bei ihr habe sich wegen eines heftigen Streits ein Schalter umgelegt, sodass  sie ihrem Mann abends das Insulin spritzte. Der Aussage schenkte Winckler wenig Glauben. Laut den Ärzten muss dem Ehemann am Morgen noch einmal das kurz­wirksame Insulin gespritzt worden sein, sonst hätte es am Nachmittag nicht mehr gewirkt.

Der Aussage des Mannes folgend, es sei ein Appell und kein Streit gewesen, falle der Affekt weg. Ziehe man zu dem Insulin auch noch die Medikamente heran, die bei ihm nachgewiesen und im Chat erwähnt wurden, habe sie eine Situation geschaffen, die eine Vitaminspritze plausibel machte. Für den Sachverständigen ein planvolles und zielgerichtetes Vorgehen in mehreren Etappen. In beiden Fällen sieht er keine verminderte Schuldfähigkeit. Der Prozess wird am 9. Dezember fortgesetzt.