Rotlichtmilieu Prostitution in Reutlingen: Polizei kontrolliert immer wieder

Die Sexkunden informieren sich heute zuerst im Internet, bevor sie in die Häuser gehen.
Die Sexkunden informieren sich heute zuerst im Internet, bevor sie in die Häuser gehen. © Foto: Norbert Leister
Reutlingen / NORBERT LEISTER 24.09.2014
In Deutschland wird viel über Änderungen am Prostitutionsgesetz debattiert. Wie aber sieht die Szene vor Ort in Reutlingen aus? Eine Recherche und ein Gespräch mit Kriminaloberrat Dietmar Langrock.

"Im Erospark und in der Erosarena in Sindelfingen und Reutlingen erwarten Sie derzeit über 90 attraktive und internationale Modelle - neben scharfen Schwabenladies finden Sie im Erospark Girls verschiedenster Nationalitäten." Damit wirbt eines der beiden Reutlinger "Laufhäuser" um Kundschaft im Internet und spricht dabei sogar von einer "Philosophie". Laut Kriminaloberrat Dietmar Langrock sei es heute völlig normal, dass sich Kunden erst im Internet informieren und dann in die Häuser gehen. Zudem weist er als auch für Reutlingen zuständiger Polizeibeamter in Esslingen darauf hin, dass diese "gewerbliche Zimmervermietung" eine von insgesamt fünf "bordellähnlichen Betrieben" in der Achalmstadt seien. Neben diesem Haus direkt an der B 28 nach Tübingen gibt es ein weiteres "Laufhaus" gegenüber vom Jobcenter, direkt daneben das "Haus 33-A" sowie insgesamt fünf angemietete Termin- und Modelwohnungen, in denen ebenfalls der Prostitution nachgegangen wird.

Die Polizei weiß all das so genau, weil sie laut Langrock "sehr aufmerksam Anzeigen in Zeitungen liest und auch Internetrecherche betreibt", sagt der Kriminaloberrat im Gespräch mit unserer Zeitung. "Wie kommen die Frauen an Kundschaft - natürlich, sie müssen Werbung machen und das verfolgen wir sehr aufmerksam", betont Langrock. Hinzu kommen immer wieder unangekündigte "anlasslose Kontrollen" der Häuser und auch der Prostituierten durch die Polizei. Dadurch wissen die Beamten genau, wie viele "Sexarbeiterinnen" in Reutlingen tätig sind. "Wir gehen von einer Zahl von 70 bis 80 Frauen aus, die täglich dort der Prostitution nachgehen."

Diese Zahlen seien sehr fundiert - und entsprechen überhaupt nicht denen, die im "Focus" im November 2013 veröffentlicht wurden: Dort wurden 220 aktive Prostituierte in Reutlingen angeführt - und damit befinde sich die Achalmstadt im Bereich der "Rotlicht-Hochburgen Deutschlands", titelte die Wochenzeitschrift. "Ich weiß nicht, wo die die Zahlen herhaben - bei uns haben sie nicht nachgefragt", sagt Langrock. Auch ansonsten sei Reutlingen kein besonders heißes Pflaster, was die Prostitution angehe. Nach der Umstrukturierung der Polizei ist das Polizeipräsidium Reutlingen für drei Kreise (Reutlingen, Tübingen und Esslingen) zuständig - die Abteilung organisierte Kriminalität und "Sonderfälle" (wie etwa die Prostitution) hat ihren Sitz allerdings in Esslingen. Deshalb auch das Treffen mit Dietmar Langrock in der Neckarstadt.

Auf die Bordellbetreiber in Reutlingen angesprochen sagt er: "Da kann ich aus polizeitaktischen Ermittlungsgründen weder bestätigen noch verneinen, dass die Hells Angels in Reutlingen maßgeblich das Rotlichtmilieu beherrschen." Im Klartext: Mitglieder der Rocker-Clique haben ihre Finger drin, stellen zahlreiche "Wirtschafter", sind aber nicht die alleinigen Herrscher der Szene. Laut Handelsregister war der Rocker-Chef Ingo Dura offiziell bis 2007 Gesellschafter der Eros-arena in der Albstraße.

Das Haus gegenüber vom Jobcenter hat im Übrigen fünf Rumäninnen im Angebot, zwei Bulgarinnen, je eine Frau aus Ungarn, "Slovakien" und der Türkei. "Scharfe Schwabenladies" wie im Reutlinger Erospark finden sich hier hingegen nicht. Dafür Frauen, die "dir zeigen, wo der Hammer hängt", wie im Internet nachzulesen ist. Oder eine "Nymphomanin möchte es von dir besorgt". Mit der Mehrheit der Frauen aus Rumänien und Bulgarien wird ein Thema verdeutlicht, das in den vergangenen Jahren zu drastischen Änderungen im deutschen Rotlichtmilieu geführt haben: Die Betreiber müssen durch die EU-Erweiterung in Richtung Balkan und Osten gar nicht mehr aktiv nach Prostituierten suchen - "es kommen ja mehr als genug Frauen vor allem aus Rumänien und Bulgarien, die hier als Sexarbeiterinnen Geld verdienen wollen", sagt Langrock. Im Endeffekt bedeutet das, die Preise im Milieu sind gefallen.

Es gebe keinen Straßenstrich und auch keine Auswüchse wie etwa den FKK-Saunaclub Paradise in Echterdingen. "Solche Einrichtungen sind nach dem Prostitutionsgesetz von 2002 wie Pilze aus dem Boden geschossen." Dort werde Wellness mit käuflichem Sex verknüpft - was allerdings seinen Preis habe: Rund 160 Euro für das Zimmer müssten sich Kunde und Prostituierte teilen. Der Preis für den Geschlechtsverkehr werde extra verhandelt.

Wenn die Polizei in die Häuser kommt, würden sich die Betreiber kooperativ zeigen, Passkontrollen der Damen seien die Regel - was natürlich auch dem Jugendschutz diene. Und mit gefälschten Pässen arbeiten, wäre nicht möglich, betont Langrock. Vor kurzem erst seien zwei Frauen aus Afrika bei Kontrollen aufgefallen, die keine Arbeitsgenehmigung hatten. Für die Damen bedeutete dies das Aus in dem "Etablissement".

Und Menschenhandel? "Wir hatten in den vergangenen sieben Jahren genau vier Fälle", betont Langrock. Natürlich sind das vier Fälle zu viel, der Polizeibeamte führt ein Beispiel an: 2009 hatte ein Rumäne eine junge Frau unter dem Vorwand nach Deutschland geholt, er gebe ihr eine Stelle als Haushälterin. Dann habe er sie an einen anderen Rumänen verkauft, der die Frau zur Prostitution zwang. Natürlich könne Langrock nichts über die Dunkelziffer sagen - deshalb heißt der Begriff ja auch so. Aber: "Es gibt in Reutlingen keine Anzeichen für Menschenhandel - sonst müssten wir dem ja nachgehen."

Deutschland als Eldorado für Bordellbetreiber

Nach dem Prostitutionsgesetz der rot-grünen Bundesregierung im Jahr 2002 - die beabsichtigte, den Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern zu mehr Rechten zu verhelfen - sind jedoch dramatische Auswüchse entstanden wie etwa Flatrate-Bordelle, "All you can fuck-Häuser" oder auch in Leinfelden-Echterdingen ein "FKK-Sauna-Wellness-Club", der laut Dietmar Langrock bundesweit Kundschaft anzieht.

"Klar, die Lage an Autobahn, Flughafen, Messe und Bundesstraßen ist da optimal", sagt der Kriminaloberrat.

Laut einer ganz neuen Studie, die die Europäische Union finanzierte, wurden die Auswirkungen legaler Prostitution auf den Menschenhandel untersucht. Dabei sei festgestellt worden, "dass es in Ländern mit liberalen Prostitutionsgesetzen wie Deutschland mehr Menschenhandel gibt", berichtet das ARD-Magazin Panorama. Die "Legalisierung führe demnach zu einer steigenden Nachfrage und damit zu einer Vergrößerung des Marktes", heißt es weiter. "Damit steigt auch die Nachfrage nach illegal eingeschleusten Prostituierten."

In Deutschland, "wo Prostitution legal ist, ist der Markt 60 Mal größer als in Schweden, wo Prostitution verboten ist", berichtet die Studie. "Gleichzeitig hat Deutschland rund 62 Mal so viele Opfer von Menschenhandel wie Schweden - obwohl die Bevölkerung weniger als zehn Mal so groß ist." Der Chef der Augsburger Kriminalpolizei, Klaus Bayerl, soll dazu gesagt haben: "Deutschland ist zum Eldorado für Zuhälter und Bordellbetreiber geworden - die Ausbeutung der Frauen geht also immer weiter." Manfred Paulus, ehemaliger Kriminalbeamter und bundesweiter Kenner der Szene, hat vor kurzem in der Südwestpresse gesagt, dass Sexarbeiterinnen stets zu ihrer Tätigkeit gezwungen würden: "Freiwilligkeit gibt es nicht, 98 Prozent aller Prostituierten sind fremdbestimmt."

Für Baden-Württembergs Sozialministerin Kathrin Altpeter ist all das Grund genug, um vehement für ein Prostitutionsverbot nach schwedischem Modell zu kämpfen - auch wenn sie bundes- und landesweit auf heftigen Widerstand stößt. "Dabei bin ich mir durchaus bewusst, dass dieses Modell allein nicht ausreichen wird, um Prostituierten zu helfen", sagt Altpeter auf Anfrage. "Das Verbot muss flankiert werden von umfassenden Ausstiegsprogrammen."

Wie aber sollte der käufliche Sex kontrolliert werden, wenn er verboten würde, fragt Dietmar Langrock. Das Abdrängen in die Illegalität führe eigentlich nur dazu, dass die Zustände für die Frauen sich noch weiter verschlechtern würden. Und sie dem Zugriff und der Kontrolle durch die Polizei entzogen würden. Altpeter sieht das anders: "Ich halte das Schwedische Modell für den besten Weg gegen Zwangsprostitution, sexuelle Ausbeutung und Menschenhandel." Allerdings sei sie sich "im Klaren darüber, dass es dafür derzeit noch keine politische und vermutlich auch keine gesellschaftliche Mehrheit in Deutschland gibt".

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