Reutlingen / JÜRGEN SPIESS  Uhr
Das Reutlinger Programmkino Kamino, das am 17. September 2015 seinen Betrieb aufgenommen hat, zieht nach einem Jahr eine beeindruckende Bilanz.

„33 Jahre hat es gedauert, bis die Französischen Filmtage zurückkehren.“ Andreas Vogt, einer von fünf Vorständen des seit einem Jahr bestehenden Programmkinos, ist hoch erfreut, dass das 1983 von Pierre Achour in Reutlingen gegründete und ein Jahr später nach Tübingen abgewanderte Filmfestival für frankophone Filme erstmals wieder auch in der Achalmstadt stattfindet.

Bei der 33. Ausgabe der Französischen Filmtage vom 2. bis 9. November wird das Kamino fester Bestandteil des Festivals sein und täglich zwei Festivalfilme zeigen. Auf französische Gäste dürfen sich die Reutlinger ebenfalls freuen. Haupt-Festivalort bleibt natürlich die Universitätsstadt am Neckar.

Für das ehrenamtlich geführte Kamino ist das Anknüpfen an die Geschichte aber ein weiterer Schritt, um das Programmkino in der hiesigen Kinolandschaft zu etablieren: „Wir wollen andere Filme anders zeigen“, formuliert Andreas Vogt seinen Anspruch, und das ist ihm und den rund hundert aktiven und ehrenamtlichen Mitarbeitern bisher eindrucksvoll gelungen. Gerade mal zwölf Monate ist es her, dass Reutlingen über ein Programmkino verfügt, doch davon haben selbst Optimisten kaum zu träumen gewagt: Rund 18 000 Kinofreunde besuchten in elf Monaten (im August war das Kino geschlossen) das Kamino, noch im September erwartet das Haus den 20 000. Gast. Bei 18 Vorstellungen pro Woche entspricht das einer Zahl von 400 Besuchern in der Woche.

Bereits rund 44 verkaufte Kinokarten täglich würden genügen, um keine roten Zahlen zu schreiben. Den Kinomachern geht es darum, eine gesunde Balance zwischen wirtschaftlichen Erfordernissen und qualitativ hochwertigen und herausfordernden Filmen zu finden.

„Wir wollen Filme zeigen, die sehenswert sind, auch wenn sie vielleicht nicht ganz so viele Besucher anlocken“, erläutert Kamino-Vorständler Andreas Vogt seinen Anspruch. Auch auf die ideelle und finanzielle Unterstützung, die das neue Programmkino erfährt, können die Kinomacher stolz sein.

Mehr als 60 000 Euro Sponsorengelder, davon rund ein Drittel von der Volksbank Reutlingen, sind bisher eingegangen. Nun hofft Vogt auf einen unlängst beantragten Betriebs- und Mietkostenzuschuss von der Stadt, um Komplementärmittel vom Land beantragen zu können. Ein besonderer Dank gebühre auch den inzwischen 810 Genossenschaftlern, die derzeit 985 Anteile zu je 200 Euro gezeichnet haben.

Davon beteiligen sich knapp 100 Mitglieder aktiv an der Mitarbeit in folgenden Arbeitsgruppen: Presse- und Medienarbeit, Abendregie, Bar/Kasse, Programmzusammenstellung,  Technik und Verwaltung/Buchführung.  Insgesamt sind bisher rund 9 500 ehrenamtlich geleistete Stunden zusammengekommen.

Auch bezüglich des Kostenrahmens für den Kinoumbau habe das Kamino  seine Vorgaben erfüllt, so Andreas Vogt beim Gespräch. So wurde das Programmkino nicht nur pünktlich zum anvisierten Termin eröffnet, die Baukosten fielen mit 380 000 Euro auch etwas günstiger aus als veranschlagt.

Nun hoffen die Genossenschaftler, dass es mit den Besucher- und Mitgliederzahlen so erfreulich weiter läuft. Andreas Vogt  und seine vier Vorstandskollegen machen sich jedenfalls über die Zukunft des Kamino keine Sorgen: Die knapp tausend Veranstaltungen im Jahr finanzieren den laufenden Betrieb, und auch der aufgenommene Kredit für die Umbaukosten wird planmäßig bedient.

Und welche Filme liefen im ersten Jahr am besten? Spitzenreiter war laut Vogt die skurrile Tragikomödie „Ewige Jugend“ mit den Altstars Michael Caine und Harvey Keitel, dicht gefolgt von dem bezaubernden Wohlfühlfilm „Birnenkuchen mit Lavendel“ um einen gutmütigen Asperger-Patient.

Programm, Filme, Projekte und Reihen

Kamino Das Programm gibt’s unter www.kamino-reutlingen.de. Weitere Filme und Projekte: Heute, Dienstag, 13. September, 20 Uhr, läuft noch einmal „Toni Erdmann“ mit Peter Simonischek. Ebenfalls heute ist „el olivo – Der Olivenbaum“ zu sehen, um 16 und um 18 Uhr. Im Oktober findet in Zusammenarbeit mit dem AK Leben eine Filmreihe zum Thema Sterben statt. Von 2. bis 9. November ist das Kamino, wie einst das forum 22, eine der Spielstätten der Französische Filmtage Tübingen.