Die Schäden an den mittelalterlichen Häusern in der Oberamteistraße sind schwerer als vermutet. Die Akutmaßnahmen waren Thema im Bauausschuss.

RALF OTT

Reutlingen. Die aktuellen Untersuchungen der Bausubstanz der ältesten, intakten Häuserzeile in Deutschland, nämlich den Gebäuden 28 bis 32 in der Oberamteistraße, ergab ein gravierenderes Schadensbild als ursprünglich angenommen. Das berichteten jetzt in der Sitzung des Bau-, Umwelt- und Verkehrsausschusses Paul Gonser vom Ingenieurbüro Tragwerksplanung sowie Hans-Jürgen Klose von der Werkstatt für Baudenkmalpflege. So sind unter anderem die Deckenbalken im Obergeschoss nicht mehr tragfähig und die „Urdecke“ über dem Keller weist gravierende Pilzschädigungen und Nagekäferbefall auf, erläuterte Klose. Im Frühjahr wurden die Außenwände zur Untersuchung an verschiedenen Stellen geöffnet. Ergebnis: „Sämtliche konstruktiven Teile sind stark deformiert“, sagte Klose. Die Ostfassade werde nur noch von wenigen auskragenden Deckenbalken gehalten. Dem Gebäudeensemble machen neben dem Alter vor allem die Feuchtigkeit und Umbauten zu schaffen. So waren die Häuser ursprünglich traufständig – die Dächer waren also zur Straße hin ausgerichtet. Durch den späteren Umbau mit dem Dachgiebel zur Straße wurde die Statik in den auskragend errichteten Stockwerken übermäßig stark belastet. Dies hat beispielsweise zu einer starken Schrägstellung der Mittelwand geführt.

Ein weiteres, allerdings neuzeitliches Problem: Nach dem Abriss des so genannten Turmhauses im Jahr 1972 entfiel für die in Reihenbauweise errichteten Häuser die Aussteifung durch das ursprünglich abschließend errichtete massive Bauwerk.

Um das Ensemble vor unwiderruflichen Schäden zu bewahren und eine Gefährdung für Passanten auszuschließen, galt es jetzt rasch Sicherungsmaßnahmen umzusetzen. Seit Montag dieser Woche werden in der Oberamteistraße insgesamt zehn neue Vertikalstützen und zwei neue Schrägstützen eingebaut. Für die Dauer von zwei Wochen ist die Straße für den Verkehr gesperrt. Die sogenannten Sprieße werden mit Hilfe von Betonleitplanken vor dem Straßenverkehr abgesichert. Die Kosten für diesen ersten Schritt liegen bei rund 11 000 Euro.

Darüber hinaus erfolgt in den kommenden Monaten ein Abriss des rückwärtigen Anbaus an das Haus Nummer 30, um anschließend die Brandmauer freilegen und zum Teil als neuer Aufmauerung sanieren zu können. Ferner werden weitere Spannanker durch das komplette Gebäude gezogen, um die Tragkonstruktion zu sichern. Dafür veranschlagen die Fachleute noch einmal rund 160 000 Euro. Auf diese Weise ließen sich Fassaden und Tragkonstruktion laut Gonser für rund fünf Jahre sichern. Das gelte freilich nicht für die Schäden am Holz durch Pilze und Nagekäfer.

SPD-Fraktionschef Helmut Treutlein unterstrich den hohen Stellenwert der Gebäude und betonte, die Stadt sei jetzt in der Pflicht. FDP-Stadträtin Regine Vohrer rief dazu auf, den Häusern jetzt Vorrang einzuräumen. „Man kann eigentlich nur wütend werden“, sagte Gabriele Gaiser (CDU). Ihre Partei habe bereits vor neun Jahren die Sanierung beantragt, doch es sei nichts passiert. Sie forderte, künftig in der Stadt solche Kulturdenkmale besser zu beobachten und nicht erst zu Notmaßnahmen zu greifen, wenn es fast zu spät sei. Einen „schnellen Sanierungsbeginn“ schlug WiR-Fraktionschef Jürgen Straub vor, während Friedel Kehrer-Schreiber (FWV) an den Abbruch des Eckhauses erinnerte: „Das war ein fataler Fehler“.

Baubürgermeisterin Ulrike Hotz verwies auf die fortlaufenden Untersuchungen am Gebäude. Jetzt sei das komplette Ensemble durchleuchtet. „Damit haben wir die Chance, eine Planung zu entwickeln, die wiederum Voraussetzung für den Antrag auf Zuschüsse ist“.

Info Die Öffentlichkeit wird über das weitere mögliche Vorgehen am Mittwoch, 20. Juli, um 19 Uhr voraussichtlich im Spitalhof informiert.