Pfullingen / Kathrin Kammerer  Uhr

Wer kann schon von sich behaupten, bei der Arbeit gleich einen Rundumblick auf Pfullingen genießen zu können? Die Baustelle an der evangelischen Martinskirche bietet drei Dinge gleichermaßen: Höhe (55 Meter an der Turmspitze), Ausblick und dazu noch eine ziemlich interessante Baugeschichte. Vertreter von Kirchengemeinde und Stadt informierten sich nun vor Ort und in luftiger Höhe, wie das 1,6-Millionen-Projekt Kirchensanierung voranschreitet.

Die Sanierung des Turmes ist der erste Bauabschnitt, das Kirchenschiff und der Chor folgen. 1773 habe man die oberste Spitze des Kirchturms erbaut, erklärt Architekt Eberhard Wurst. Sie überstand den Zweiten Weltkrieg, in den 1980er-Jahren wurde sie dann zum letzten Mal renoviert. Seitdem ist viel Zeit vergangen – Wasser und Wind haben Spuren hinterlassen. Die Holzbalken am oberen Turmteil seien zudem befallen von Schädlingen, so der Architekt. Bis auf eine Höhe von rund 1,80 Meter seien sie stellenweise hohl im Innenraum.

Besonders an der Wetterseite seien die Schäden immens. Die Zimmermänner müssen nun kompliziert die befallenen Balkenteile austauschen und durch neues, luftgetrocknetes Kammerholz ersetzen. Diese „erheblichen Schäden“ habe man bei vorherigen Renovierungen wahrscheinlich eher übergangen, mutmaßt Architekt Wurst weiter. Auch der Naturstein weiter unten habe deutliche Temperatur- und Wetterschäden. In Zukunft will man das zumindest eindämmen: Der Turm soll eine Lüftung bekommen – „denn gerade ist es drin echt dämpfig und knalleheiß“, so der Architekt.

Neuer Klöppel für die Kirchenglocke

Auch am Klang der Glocke soll sich was ändern, verriet er weiter. Vor zwei Wochen sei der Glockenspezialist aus Karlsruhe da gewesen – ganz hoch habe der sich aber nicht getraut. Der aktuelle Klöppel der Glocke sei sehr hart und soll ausgetauscht werden. „Ich bin gespannt, ob jemand den Unterschied hört“, so Wurst.

Auf Grund von Holzschutzmittel aus früheren Jahrzehnten dürfen die Arbeiter bislang nur im Schutzanzug werkeln – und das auch maximal zwei Stunden am Stück. Dann muss eine halbe Stunde Pause folgen, das ganze darf sich drei Mal wiederholen. Die Mitglieder der Kirchengemeinde sind begeistert vom Baufortschritt (man liegt ganz im Zeitplan) und von der schönen Aussicht. Und weisen gleich auf die Spenden hin, die sie für das Sanierungsprojekt noch dringend benötigen.

Info Spendenkonto: Evangelische Kirchengemeinde Pfullingen, IBAN DE 54 6405 0000 0000 6007 23, Betreff „Renovierung Martinskirche“.

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Gespannt auf die Öffnung der Zeitkapsel

Auf die Öffnung der Zeitkapsel freuen sich die an der Sanierung beteiligten Personen besonders. In dieser Kapsel, die eine Etage unter dem Wetterhahn hängt, befinden sich wahrscheinlich historisch höchst interessante Dokumente. Bei jeder Sanierung – so sagt es die Tradition – packen die Beteiligten ein Stück Zeitgeschichte in die Kapsel: Zeitungsartikel, Dokumente über den Gemeinderat und den Kirchengemeinderat der jeweiligen Jahre, Fotos und Münzen. Hans-Martin Fetzer hat die Öffnung einer solchen Zeitkapsel bei seiner vorherigen Pfarrstelle in Sindelfingen schon erlebt. Unter anderem habe man ein Dokument aus dem 17. Jahrhundert gefunden, auf dem stand: „Danket dem Herren jeden Tag, dass der Turm noch steht.“ Der Kirchturm muss also beunruhigend schief gestanden sein damals...

Beim Marktplatzgottesdienst am 14. Juli sollen sowohl der frisch restaurierte Wetterhahn als auch der Inhalt der Zeitkapsel der Öffentlichkeit präsentiert werden. kam