Reutlingen Perlen der konkreten Kunst

Reutlingen / Anja Weiß 21.07.2018
Im Kunstmuseum wird ein Querschnitt aus der Schenkung von Manfred Wandel gezeigt.

Die konkrete Kunst gilt heute als Spezialgebiet der zeitgenössichen Kunst, schreibt Dr. Holger Kube Ventura im Vorwort des Katalogs zur Ausstellung „Arbeiten aus System. Konkrete Kunst 1954-2011“. Sie führt ein Schattendasein im Kunstbetrieb, denn noch mehr als andere Bereiche entzieht sie sich der Frage „Was soll das bedeuten?“. Sie wartet oft weder mit Nutzwert noch mit Zweck auf. Dennoch hat sie einiges zu bieten, ist Ventura überzeugt, nämlich „ästhetischen Reichtum und Potenzial, die Welt verstehbarer zu machen“.

Start für die „Wandel-Hallen“

Ein wichtiger Standort dieser konkreten Kunst ist ab dem morgigen Sonntag Reutlingen, oder, genauer: die „Wandel-Hallen“ in der Eberhardstraße 14. Manfred Wandel und seine Frau Gabriele Kübler haben der Stadt Reutlingen 2017  umfassende Werkgruppen geschenkt, die sie über Jahrzehnte zusammen getragen haben. Damit verbunden war der Auftrag, einen spezifischen Ausstellungsbetrieb als neuen Bereich des Kunstmuseums zu etablieren. Für Dr. Holger Kube Ventura, der im November 2017 von Tübingen nach Reutlingen gewechselt ist, begann damit ein großes Stück Arbeit. Galt es doch, alle Kunstwerke zu sichten, zu bewerten, zu ordnen, zu dokumentieren  und zu archivieren. „Wir wussten ja vorher nicht genau, was in der Sammlung alles drin ist,“ erzählt Ventura. Und das war mehr, als erhofft: Es kamen  wahre Perlen zum Vorschein. „Es ist eine der wichtigsten Sammlungen konkreter Kunst in Europa“, ist sich Ventura sicher. Diese wird das Kunstmuseum schnell international bekannt machen und damit auch Reutlingen. „Wandel und Kübler waren wie Trüffelschweine“, sagt Ventura anerkennend. Viele hochkarätige Werke haben sie angehäuft, für die es bereits Anfragen aus dem In- und Ausland für Ausstellungen gibt.

Dabei haben sie sich auf 40 Künstler spezialisiert, deren Schaffensphase zwischen 1954 und 2011 liegt. Genau diesen Zeitrahmen umfasst auch die erste Ausstellung des Kurators Kube, die am Sonntag um 11 Uhr eröffnet wird. Das älteste ist eine Werkserie von Norbert Kricke, „Pastellkreide auf Papier“, besteht aus Spuren von Bewegungslinien, die in den Raum laufen und diesen spürbar machen. Das jüngste Werk ist von Erik Sturm, „Codextrümmer“  lautet der Titel und dahinter verbergen sich verleimte Plakate.

Gemeinsam ist den Arbeiten, dass  in ihnen viel Hand-, oft sogar Schwerstarbeit steckt. So arbeitet beispielsweise Hartmut Böhm in „Gegenüberstellung“ mit T-Stahlträgern, die auf dem Boden angeordnet sind. Wahllos? Natürlich keineswegs. Eine Hälfte steht, die andere liegt, es stecken mathematische Überlegungen hinter den Formen und es entstehen Leerräume. „Die Sache wird richtig schön“, schwärmt Ventura, „es ist die Schönheit der Mathematik.“ Zudem stecken viele Details drin, die sich erst auf den zweiten Blick erschließen. Diesen zweiten Blick braucht es auch bei viele anderen Werken. Wie bei Vera Molnars vierteiligem Bilderzyklus „M comme Malevich“. Das M kommt hier in der vielfältigsten Art und Weise vor, als reiner Buchstabe, klar zu erkennen, kippt er später immer mehr aus der Reihe, wird fehlerhaft, und die Winkel verändern sich. Oder nehmen wir Thomas Lenks „alpha bis omega“, das in drei Farben und Zeichnungsschritten das Alphabet abbildet.

Mit „System einer Farbharmonie“ gibt ein berühmter Künstler Einblick in sein wichtiges Schaffen: Eine ganze Serie von Bildern von Anton Stankowski ist zu sehen. Er gilt als der Erfinder der „Corporate identity“ und hat besonders in Werbekreisen einen Namen.

Manische Fleißarbeit

Bernard Aubertin, Issao Takahashi und Dimitry Orlac haben den Hang zur Fleißarbeit gemeinsam. Sie malen um des Schaffens willen, verlieren sich im Gestaltungsprozess, tragen beinahe manisch Schicht um Schicht auf, bis Bilder entstehen, die so lange bearbeitet wurden, dass sie allein dadurch neue Blickwinkel eröffnen. Da steckt Verbissenheit drin und der Sisyphus gedanke. Auch für Ventura und seine Mitarbeiter wurde die Arbeit manchmal etwas schwer: So besteht ein Werk, ebenfalls von Böhm, aus 190 Pflastersteinen, die in bestimmten Abständen aufgestellt sind. Jeder wiegt 18,7 Kilogramm, da wussten die Ausstellungsorganisatoren am Ende de Tages, was sie geschafft hatten nach dem Aufbau. Nicht ganz so schweißtreibend, aber ebenso spannend sind die Installationen von Christian Wulffen. Sei es „Pfeiler“ oder „Zaun“: Wie die Bauten am Ende fertig aussehen könnten, bleibt der Phantasie de Betrachters überlassen, die Anordnung hingegen dem Kurator.

Der freut sich ebenso wie Kulturamtsleiter Dr. Werner Ströbele über diese neue Attraktion der modernen Kunst, die, so sind sie sich sicher, den Ruf Reutlingens weiter bekannt machen wird. Außerdem werden noch viele weitere spannenden Ausstellungen folgen, die Schenkung war ja umfangreich genug.

Arbeiten aus System: Die Pilotausstellung in den Wandel-Hallen

Die Ausstellung Im Oktober 2017 wurden umfassende Werkgruppen aus der Sammlung der Stiftung für konkrete Kunst und der Privatsammlung von Manfred Wandel der Stadt Reutlingen geschenkt. Verbunden war dies mit dem Auftrag, einen Ausstellungsbetrieb als neuen Bereich des Kunstmuseums zu etablieren. Entstanden ist so die erste Ausstellung „Arbeiten aus System. Konkrete Kunst 1954-2011“. Präsentiert werden auf rund 1000 Quadratmetern Fläche, ein Querschnitt durch die hochkarätige Schenkung.
Die Künstler
Die Ausstellung versammelt rund 50 serielle Werke von 14 Künstlern: Bernard Aubertin, Tom Benson, Hartmut Böhm, Hans Peter Hoch, Kathrin Kaps, Norbert Kricke, Thomas Lenk, Vera Molnar, Dimitry orlac, Steffen schlichter, Anton Stankowski, Erik Sturm, Issao Takahashi, Christian Wulffen.
Der Kurator
Dr. Holger Kube Ventura ist seit Mitte November Leiter des Kunstmuseums Reutlingen/konkret. Zuvor war er künstlerischer Vorstand der Tübinger Kunsthalle. Dieser neue Bereich für bildende Kunst in Reutlingen und ihr Leiter treten mit diesem Projekt nun erstmals an die Öffentlichkeit.
Ausstellungsdauer
Am Sonntag, 22. Juli, wird die Ausstellung um 11 Uhr eröffnet. Es sprechen OB Barbara Bosch und Dr. Holger Kube Ventura. Bis zum 27. Januar ist sie zu folgenden Öffnungszeiten zu sehen: Dienstag bis Samstag 11 bis 17 Uhr, Donnerstag 11 bis 19 Uhr, Sonn-/Feiertag 11 bis 18 Uhr.

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