Pfullingen / JÜRGEN HERDIN  Uhr
In Brüssel demonstrierten am Montag die Milchbauern, auf ihrer Hauptversammlung machten ihre Kollegen in der Region ihrem Unmut Luft: Schlechte Abnahme-Preise machen ihnen das Leben immer schwerer.

Nachdem in Brüssel die Milchbauern mit Feuerwehrschläuchen Tonnen Milch auf die Gebäude des Europäischen Parlaments gespritzt hatten, traf sich abends die Milcherzeuger-Genossenschaft der Region im "Südbahnhof", um sich dort über die Geschäfte im Jahr 2012 zu ärgern. "Sie haben doch diese miesen Verträge unterschrieben", rief einer der Milchbauern dem Geschäftsführer von Omira, Dr. Wolfgang Nuber, zu. Der gab sogleich auch zu: "Ja, wir haben Mistverträge abgeschlossen, aber wir saßen doch auf der Milch. aus denen kommt man auch so schnell nicht raus", so Nuber etwas kleinlaut. Wie überhaupt er sich in Maßen reuig zeigte - und davon sprach, dass die Misere auch "für Lerneffekte" bei Omira in Ravensburg gesorgt habe. Ob dann aber hoffentlich auch die Vorstandsgehälter in der Großmolkerei gekürzt worden wären, wollte ein anderer aus der Runde wissen. Ja, auch auf die Chefgehälter habe dies Auswirkungen, sagte Nuber, der zusammen mit seinem Vorstandskollegen Dr. Stefan Bayr gekommen, um die Misere zu erklären.

Was war da geschehen? Schon zu Beginn des Jahres zeichnete sich auf dem Weltmarkt ein großes Überangebot an Milch ab. Die Preise für zahlreiche Molkereiprodukte - Omira hat, außer Käse, fast alle nur denkbaren davon im Angebot - fielen. Die Händler und Spekulanten an den Milchbörsen bekamen davon schnell Wind - und drückten die Preise. Hinzu kam, dass der Marktriese "Arla Foods" aus Dänemark mit Kampfpreisen antrat.

Doch damit nicht genug: Zu Jahresbeginn hatte Omira den Molkereiprodukte-Versandstandort in Ansbach übernommen. Der schwächelte sehr "und zog uns noch weiter in die Tiefe", beschrieb Nuber. "Der schlimmste Fall trat ein", so Nuber. Denn der Spot-Markt kränkelte auch sehr. Ansbach wurde dicht gemacht, vor allem auch aus den hygienischen Unzulänglichkeitten dort, beichtete Nuber.

Der Cocktail aus einem sehr schlechten Marktumfeld, die schwachen Trockenmilch-Exporte und die "Sache mit Ansbach" habe Omira schwer zugesetzt. "Wir waren in allen Bereichen häufig einen Schnaps drunter als drüber."

Auszubaden hatten es die Milcherzeuger, die an Omira liefern, so auch die Genossenschaft im Kreis Reutlingen. Bei etwa 36 Cent pro Kilogramm begann der Fall ins Bodenlose. Wie der Vorsitzende Peter Sautter aus Eningen mitteilte, sank der Preis bis auf 28,1 Cent pro Kilogramm. Für 41 Cent war der Liter Magermilch im Frühjahr bei Aldi, Lidl & Co. zu haben.

Die Kosten für Energie, Futtermittel und Dünger indes stiegen weiter an. Bereits 2011 hatten 20 von 132 verbliebenen Milchbauern der Reutlinger Erzeuger-Genossenschaft das Handtuch geworfen, weitere zehn gaben bislang im laufenden Jahr auf. Rund eine Million Tonnen Milch kommen bei Omira jährlich zusammen, 28 000 Tonnen davon kommen aus den Eutern der Kühe im Bereich der Reutlinger Genossenschaft. Ein Rückgang werde auch für 2012 nicht erwartet.

"Alle unseren wichtigen Standbeine waren halt auf einmal schwach", beschrieb es Nuber bildlich - nicht aber, ohne einen positiven Ausblick auf den Jahresbeginn 2013 zu werfen. Den verärgerten Bauern versicherte er auf deren Vollversammlung, dass man bei allem Pech und allen Pannen "am Fiasko aber doch vorbeigeschrammt" sei. "Wir werden im Januar wieder 33 Cent erreichen", sagte Nuber.

Die Verträge mit den Einkäufern von Molkereiprodukten seien schon unter Dach und Fach, so Peter Sautter gestern auf Nachfrage. Ein Lichtblick am Horizont ist auch, dass erst Anfang November die Preise in den Geschäften wieder recht deutlich anzogen - um bis zu 14 Cent pro Liter Milch bei den Discountern.

Ansonsten waren bei den Reutlinger Milcherzeugern die Finanzen für den Berichtszeitraum 2011 geordnet, die Zahlen aus dem Krisenjahr 2012 stehen noch nicht fest.