Ungarisches Gulasch mit Semmelknödeln und Wirsinggemüse gab es beim letzten Kochtreff der Reutlinger Arbeiterbildung (Arbi). Und als Nachspeise ein exotischer Fruchtsalat. Was sich so lecker anhört, war es dann tatsächlich auch.

Sven Plietzsch stand dabei als einstiger Profi-Patissier und Konditor, der auch mal als Bauunternehmer tätig war, gar nicht einmal selbst an der Herdplatte - er gab Tipps, behielt den Überblick und koordinierte die gemeinsame Kochaktion im Mütter- und Nachbarschaftszentrum in der Metzgerstraße. "Hier haben wir optimale Bedingungen", sagt Plietzsch und freut sich darüber, dass sich die Gruppe seit vier Jahren dort einmal im Monat trifft, gemeinsam kocht und dann auch isst.

"Es ist ja nicht so, dass ich nicht kochen könnte", betont eine der Teilnehmerinnen. Aber: Die Gemeinschaft, das gemeinsame Tun und das Gesellige seien ihr wichtig. Eine andere Frau meint, dass sie ja durchaus noch was in punkto Kochen lernen kann: "Weil am Herd jeder anders agiert."

Sven Plietzsch, als "Chef-Koch" in der Runde, betont, "wir wollen hier nicht nur Arme oder Hartz-IV-Empfänger ansprechen - alle können kommen, die Lust dazu haben". Dazu bietet er einen Ausflug in einen ganz normalen Supermarkt an, bei dem er zeigt, wie man günstig und trotzdem gut einkaufen kann. "Man darf dann aber nicht nur nach den Produkten in Augenhöhe greifen, sondern muss sich öfter mal bücken." Damit will er aufzeigen, dass fernab von Dosen-Ravioli und Tütensuppe gerade für Menschen mit wenig Geld leckeres Essen durchaus möglich ist.

Sven Plietzsch selbst ist seit dem Jahr 2004 auf Hartz IV angewiesen. "Ich sollte frühberentet werden, aber das bringt gar nichts, weil ich dann nur knapp über dem Hartz-IV-Niveau wäre." Seine Lebensgeschichte ist erstaunlich: Als Jugendlicher hatte er eine Konditorenlehre absolviert, arbeitete sich zum Patissier in der gehobenen Gastronomie hoch, reiste durch die ganze Welt. Das ist ein toller Job - und noch heute sieht er in seiner Koch-Montur blendend aus.

"Irgendwann hatte ich aber keine Lust mehr auf das ewige Rumreisen", sagt Sven Plietzsch heute. Stattdessen machte er sich selbstständig, bot Gartenarbeiten und Tapezieren an. Das weitete sich immer mehr aus, zum Schluss hatte er ein kleines Bauunternehmen mit zwei Angestellten.

"Und dann hat mich diese Krankheit lahmgelegt", berichtet Plietzsch. Plötzlich waren all seine Gelenke und Muskeln entzündet, sogar seine Organe wurden angegriffen, längere Zeit war Sven Plietzsch dem Tod näher als dem Leben. Jahrelang suchten Ärzte nach der Ursache, bis einer der Mediziner auf eine Krankheit tippte, bei der das Immunsystem sich gegen den eigenen Körper richtet. Von da an nimmt Sven Plietzsch Medikamente, die jene Überaktivität des körpereigenen Abwehrsystems - das ja vor äußeren Gefahren schützen soll - reduziert. "Seitdem geht's mir einigermaßen gut." Eine ganz normale Tätigkeit könnte er aber nicht mehr ausüben, "mehr als 15 Stunden in der Woche ging nicht".

Fast fünf Jahre war er krankgeschrieben und dabei zeitweise ganz unten angelangt. Doch er kämpfte sich wieder nach oben. Und heute ist er aktiv, sehr aktiv. Bei der Arbeiterwohlfahrt (AWO), der Arbeiterbildung (Arbi), beim Gewerkschaftschor, bei der Vereinigten Dienstleistungs-Gewerkschaft (Verdi) und auch politisch mischt Sven Plietzsch mit. Warum er all das macht? Er überlegt, die Frage scheint ihn zu irritieren. Schließlich sagt er: "Soll ich den ganzen Tag vor dem Fernseher herumhängen?" Sein Engagement etwa beim Kochtreff wie auch bei der Arbeiterbildung und der AWO sieht er als eine Möglichkeit, Menschen zur Seite zu stehen, denen es nicht so toll geht wie anderen. Die vielleicht auch aus ähnlichen Gründen wie er selbst in die Armutsfalle abgerutscht sind. Oder die auch noch viel Schlimmeres erlebt haben.

Carola Rau und Axel Hellhake unterstützen Sven Plietzsch beim Kochtreff im Nachbarschaftszentrum in der Metzgerstraße. Hellhake ist Rentner, war einstmals Sozialpädagoge, sorgt "für das Soziale" bei dem Treffen. Wieso das? "Na ja", sagt Plietzsch. "Ich kümmere mich hier um das Kochen - und irgendjemand muss danach gucken, dass die Menschen auch miteinander klar kommen."

Es gab schon Zeiten im Kochtreff, als er alleine für alles zuständig sein sollte. "Da fühlte ich mich manchmal wie ein Zirkusdirektor", sagt der Patissier und lacht. Carola Rau ist die neue Vorsitzende der Arbeiterbildung. Sie ist Kinderkrankenschwester in Altersteilzeit, ansonsten vielfältig ehrenamtlich aktiv, unter anderem eben auch bei der Arbi.

Warum? "Ich bin einfach froh und dankbar, dass ich nie aufs Amt musste und auf Hartz IV angewiesen war", sagt sie. "Deshalb will ich ein bisschen was zurückgeben."

Und die Menschen, die Sven Plietzsch, Carola Rau und Axel Hellhake mit ihrem Engagement erreichen, sind auch überaus dankbar dafür. "Man darf ja nicht vergessen, dass man bei diesem Kochtreff hier nicht nur was lernen kann und man in geselliger Runde gemeinsam was unternimmt - es macht ja auch noch Spaß", sagt eine der Teilnehmerinnen.