Reutlingen / Kathrin Kammerer  Uhr

Und dann war sie einfach aus. Um 23 Uhr. Keine Musik mehr, dafür lange Gesichter bei den jungen Besuchern der „Langen Einkaufsnacht“ am letzten Juni-Wochenende. Echt jetzt? Ende um 23 Uhr, wenn einmal im Vierteljahr die sonst totgesagte Reutlinger Innenstadt schier aus den Nähten platzt?

Es war ein seltenes Bild, an diesem Samstag: Marktplatz voller Menschen, Wilhelmstraße voll, Katharinenstraße voll. Sonst herrscht hier ja meistens schon tote Hose, wenn sich die Lokalredakteure auf den Heimweg zum Bahnhof machen – also um 19 oder 20 Uhr. In der neuen Sparkassen-Filiale #connect tanzte das junge Publikum, als hätte Reutlingen endlich auch einen angesagten Innenstadt-Club, wie ihn sonst nur Tübingen und Stuttgart bieten. Und dann war auch dort, ebenfalls um 23 Uhr, einfach die Musik aus.

Kein Ansturm der Massen: Die Hitze drückt die Besucherzahlen der langen Einkaufsnacht nach unten.

Wie kann das sein? Wieso vertreibt man selbst an so einem Tag die jungen Menschen noch vor Mitternacht aus der Stadt? Herrscht nicht Konsens darüber, dass man die Innenstadt wieder beleben will?

Etwas später: Die Reutlinger Gastro-Initiative (RGI) teilt auf Facebook mit, dass die Terrassenzeiten bei einigen Lokalen unter der Woche nun bis Mitternacht und freitags wie auch samstags bis 1 Uhr verlängert wurden. Außerdem wird auf der Facebookseite ein Schild geteilt, das seit Wochen in der Tübinger Innenstadt hängt und auf die Nachtruhe von 22 bis 6 Uhr hinweist. Mehrere Stadträte interpretieren das Tübinger Schild nun ziemlich quer und werben fürs Reutlinger Nachtleben: „Während in Tübingen die Bürgersteige hochgeklappt werden, darf in Reutlingen an Freitagen und Samstagen bis 1 Uhr, unter der Woche bis 24 Uhr gefeiert werden!“

Die verlängerten Öffnungszeiten der Terrassen sind ein guter Anfang, der viel zu spät kommt. Aber um junge Menschen auch abends für Reutlingen zu begeistert, braucht es mehr nur als eine Außenbestuhlung bis Mitternacht. Das ist noch nichts, womit man sich brüsten könnte. Junge Menschen halten sich am Wochenende dort auf, wo auch andere junge Menschen sind, dort, wo es zentral gelegene Bars und Clubs gibt, dort, wo sie sich sicher fühlen. Da hilft es auch nicht, wenn man sich über Tübingen lustig macht: Die jungen Reutlinger gehen trotzdem weiterhin in die Nachbarstadt, um am Wochenende zu feiern – von hochgeklappten Bürgersteigen ist keine Spur.

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