Konzert Orchestrale Kammermusik zu dritt

Das Trio „Rafale“ beschloss den Reutlinger Kammermusikzyklus.
Das Trio „Rafale“ beschloss den Reutlinger Kammermusikzyklus. © Foto: Stadt Reutlingen
Reutlingen / Susanne Eckstein 18.05.2018

„Rafale“ heißt im Französischen soviel wie Windstoß; so nennen sich auch Daniel Meller (Violine), Flurin Cuonz (Cello) und Maki Wiederkehr (Klavier). Damit lässt sich auch der starke Impuls ihres Spiels umschreiben, für das sie in ihrer relativ jungen Karriere schon mit etlichen Preisen ausgezeichnet wurden. Seit 2008 sind sie ein festes Ensemble und eng aufeinander eingespielt; ihre ausgefeilte Gestaltung wird gemeinsam getragen, die Virtuosität versteht sich von selbst.

Nahtloses Zusammenspiel und technisches Können braucht man auf jeden Fall für einen Anfang wie in Joseph Haydns Klaviertrio fis-Moll (Hob. XV:26), der Spielern und Zuhörern ein spannungsreiches Thema zumutet. Detailgenau gehen die drei Haydns Noten auf den Grund; ihre gradlinige, dabei warme Tongebung erzeugt hohe Dichte und Aussagekraft. Die Pianistin Maki Wiederkehr gibt den Duktus vor,  Meller und Cuonz assistieren beweglich und ausdrucksvoll. Dem entspannteren zweiten Satz folgt ein dem Kopfsatz ähnlicher Finalsatz mit ausgezierten Motiven und pointierten Rhythmen, dessen Übergänge und Pausen die drei sensibel ausloten.

Dem Klassiker Haydn folgt ein amerikanischer Ur-Neutöner: Charles Ives mit seinem eher selten aufgeführten Klaviertrio. Darin bezieht sich Ives auf seine Studienzeit an der Yale University und zitiert die Songs von damals – am meisten Spaß haben die Zuhörer, denen die Melodien vertraut sind. Doch wer kennt sie hier? Ives behandelt sie zudem auf seine Art, nämlich in je eigenen Stimmverläufen, was zu reichlich Dissonanz und Reibung führt. Das „Trio Rafale“ verleiht dem Stück zusätzlich Nachdruck und verdichtet die quasi wortmächtigen Monologe im ersten Satz zu massiver Klanggewalt. Im zweiten Satz (TSIAJ: This scherzo is a joke) nehmen sie keine Rücksicht auf Schönheit oder Transparenz, sondern provozieren durch Schärfe und Vehemenz. Der melodiöse Charakter des dritten Satzes verwandelt sich in beinah überzeichnete Emphase, um das Ohr mit einem umso zarteren Schluss zu fesseln.

Mit Tschaikowskys Klaviertrio a-Moll („dem Andenken eines großen Künstlers“) haben die drei ein Stück ausgewählt, das der Komponist selbst als „sinfonisch“ und der Kritiker Hanslick aufgrund der Überlänge als „selbstmörderisch“ charakterisiert hat. Es verführt dazu, dick aufzutragen, klanglich wie emotional – hier kann man als Interpret gegensteuern oder sich darauf einlassen. Das „Trio Rafale“ entschied sich fürs letztere; sie nahmen das Stück ernst, gaben ihm Wärme, Tiefe und Fülle und gingen bis an die Grenzen des Möglichen. Wurde der erste Satz und das Thema des zweiten noch reflektiert und differenziert gestaltet, erfasste im Verlauf der Variationen von Fuge bis Walzer ein Sog der Schwelgerei die Musizierenden, und dies so heftig, dass man sich fragen konnte, ob die Kraft für weitere Steigerungen ausreichen würde; ihr Spiel klang wie Kraft-Wärme-Kopplung ohne Überhitzungsschutz. Auch als längst die Cellobogenhaare flogen, heizten sie weiter ein, als verfügten sie über unerschöpfliche Energiereserven. Erst mit den sanften Trauermarschtakten zum Schluss endete der Klangrausch, eine Zugabe nach diesem Exzess ausgeschlossen. Bravorufe, viel Applaus.

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