Reutlingen Oper des Grauens

Das Stück „Through Roses“ von Tonne und WPR über einen Geiger im KZ: berührend, multimedial und verstörend.
Das Stück „Through Roses“ von Tonne und WPR über einen Geiger im KZ: berührend, multimedial und verstörend. © Foto: Theater Tonne
Von Kathrin Kipp 13.02.2018

Kann man nach Auschwitz überhaupt noch Musik machen? Wo sie ja von den Nationalsozialisten schwerst missbraucht wurde und ihre Unschuld verloren hat. Unter anderem, indem die KZ-Orchester den Gang ihrer Mithäftlinge ins Gas musikalisch begleiten mussten. Marc Neikrug jedenfalls glaubte nach dem Holocaust offenbar nicht mehr an unschuldige Harmonien und sentimentale Wohlfühl-Töne. Sein verstörendes, knapp einstündiges Musiktheaterstück (UA1980) feierte nun in der Tonne Premiere, in Zusammenarbeit mit der WPR und einem Projektchor.

Musiksklave im KZ-Orchester

Der namenlose Protagonist (gespielt von Thomas B. Hoffmann) war Musiksklave in einem KZ-Orchester. Das rettete ihm zwar das Leben, andererseits musste er durch die Rosen - „through roses“ - im Garten des Kommandanten mitansehen, wie seine Frau in die Gaskammer getragen wurde. Neikrug hat die Seelenzustände des traumatisierten Geigers in atonale Musik und einen kryptischen Text gefasst. Und so erzählt er fragmentarisch sein „Vorleben“, die Zugfahrt nach Auschwitz, wie dort alle „duschen“ gehen, und wie sein Orchester in den makabren Lageralltag eingebunden ist. Unterlegt von einem giftig-schrägen Soundtrack, der analog zum Bewusstseinstroms des Sprechers assoziativ vorgeht, immer wieder kurze Zitate und Erinnerungsfetzen zulässt. Das kleine WPR-Orchester mit Streichern, Bläsern, Klavier und Schlagwerk spielt unter der Leitung von Frank Zacher einen hintergründigen und vielstimmigen musikalischen Erinnerungskosmos aus Entsetzen, Verlorenheit, Panik, Beschädigung, Trauer, Selbstquälerei, Tod und Abgestumpftheit – eine Stimmung, die zum Ausdruck bringt, dass nichts, aber auch gar nichts wieder gutzumachen ist.

Enrico Urbanek inszeniert die Oper des Grauens multimedial und alles andere als reizarm, bebildert sie mit vielen gruseligen Choreographien und effektvollen (KZ-)Szenen. Immer wieder geht die Wand auf, Kleider werden geworfen, auf eine Stange gehängt, auf dem Boden verteilt (Ausstattung: Sibylle Schulze). Die Zuschauer sind ganz bewegt: Sie bekommen die Rolle eines Publikums einer Kunstausstellung und schauten sich die monumentalen Wand-Bilder von Antonia Bisig von Krieg, Gewalt und Nationalsozialismus an – eine Flüchtlingsfamilie, die biedere Himmler-Familie, ein Erschießungskommando. Gemalt sind sie auf Zeitungspapier, was den dokumentarischen Effekt betont: Hier sind wir nicht im Action- oder Horrorkino, sondern in der historischen Realität. Enrico Urbanek selbst eröffnet die „Ausstellung“, aber noch während er spricht, finden Irritationen statt: Ein Schlüsselbund fällt hinunter, die Zeit rollt vorbei, ein Stiefel fährt durchs Publikum. Zuvor hat schon der traurige Häftlingschor (Leitung: Ulrike Härter) im Foyer hinter einer Gaze-Wand Choräle von Klepper und Bonhoeffer gesungen – ebenfalls Opfer des Nationalsozialismus - oder das schaurige Lied von den Moorsoldaten. Die bedächtigen und sakralen Harmonien des Chorgesangs stehen im krassen Gegensatz zur disharmonischen Orchester-Musik, die trotz ihrer klanglichen Vielschichtigkeit meist dezent im Hintergrund bleibt.

Das Ensemble ist gefangen in einer schwierigen dramaturgischen Doppelrolle: Einerseits muss es als historisches KZ-Orchester seelisch abgestumpft seinem makabren Geschäft nachgehen, andererseits sich als musikalisches Mahnmal immer wieder mit atonalem Entsetzen gefühlvoll ins Geschehen einschrägen. Seine dramatische Zuspitzung erfährt der Soundtrack, als die Frau des Geigers in die Gaskammer geschleppt wird. Choreographin und Tänzerin Nora Vladiguerov versucht dabei verzweifelt, sich von den Fesseln des Chores zu befreien, der ebenfalls immer wieder einschreitet und durchs Publikum läuft, für Störungen sorgt und sich zu immer neuen Stellungsbildern formiert.

Die Sänger kreisen den Geiger ein, schieben seine kranke Frau herein oder bilden am Ende einen Leichenberg. Nora Vladiguerov lässt nicht nur ihre Hochzeit wie ein Leichenzug wirken, sondern tanzt auch ihren Totentanz und die epileptische Verzweiflung in den Albträumen ihres Mannes. Thomas B. Hoffmann wiederum spielt seinen KZ-Geiger angenehm untheatralisch, vermutlich entzieht sich seine Figur dem Wahnsinn durch bewusste Gefühllosigkeit.

Im Detektiv-Trench­coat ermittelt er seine Vergangenheit, die er wohl niemals fassen kann. Die niemand fassen kann.

Through Roses: Die weiteren Termine

„Through Roses“ von Marc Neikrug wird in der Tonne 1 (Neubau Jahnstraße) zu folgenden Terminen nochmals aufgeführt:  15.,16. und 17. Februar, 14.,17. und 18. März, 11.,12.,14.,15.,27.,28. und 29. April, jeweils 20 Uhr, sonntags 18 Uhr.