Hat die Angeklagte ihrem Ehemann das Insulin gespritzt, um ihn kaltblütig zu ermorden? Oder spielt das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom eine Rolle für ihr Handeln? Wollte sie ihn also nur krank machen, damit sie Aufmerksamkeit bekommt? Am zweiten Prozesstag vor dem Tübinger Landgericht wurden die Sanitäter und Ärzte befragt, um festzustellen, wie lebensbedrohlich das verabreichte Insulin für den Mann war. Wegen versuchten Mordes müssen sich die Ehefrau, die bis zu ihrer Verhaftung als Polizistin gearbeitet hat, und eine Kollegin seit vergangenen Freitag vor dem Tübinger Landgericht verantworten (wir haben berichtet).

Notarzt verhindert

Stundenlang hat die Angeklagte verhindert, dass der Notarzt gerufen wird. Ihr Mann quälte sich den Aussagen der Kinder nach mit Schmerzen und Krämpfen, schrie und stöhnte qualvoll. Doch sie tat nichts. Sie versuchte die Kinder stattdessen zu beruhigen, ließ ihre Tochter sogar mit einer vermeintlichen Ärztin sprechen – der mitangeklagten Kollegin der Frau. Am frühen Nachmittag holte der Sohn einen Nachbarn. „Sein Zustand hat sich über den Mittag deutlich verschlechtert“, sagte der Mann aus.

Tübingen/Reutlingen

Bereits in den frühen Morgenstunden hatte die Ehefrau ihn in die Wohnung geholt, damit er mit ihr zusammen den Ehemann unter die Dusche bringt. „Er hat auf mich den Eindruck gemacht, als sei er stark betrunken“, schildert der Mann, der ihr schon zu dem Zeitpunkt riet, einen Arzt zu rufen. Er brachte mit ihrer Hilfe den 52-Jährigen auf dem Sofa in die stabile Seitenlage und ging. Am Nachmittag sei dessen Atmung sehr schwer und stockend gewesen. Auch auf seine Bitte hin, wollte die Frau den Notarzt nicht rufen. Dann ist der Sohn „ausgerastet“, wie Richter Sierk Hamann von der richterlichen Vernehmung berichtete. Der Junge nahm sein Handy, wählte den Notruf und gab es an seine Mutter weiter. Denn inzwischen war der Ehemann bewusstlos.

„Da hat nicht mehr viel gefehlt“, sagte Rechtsmediziner Professor Frank Wehner als medizinischer Sachverständiger in der Verhandlung aus. Wäre der Notarzt eine Stunde später gekommen, „wäre es vorbei gewesen“. Als lebensbedrohlich schilderten auch die gerufenen Sanitäter und die Notärztin den Zustand des Mannes. Sein Blutzuckerspiegel sei deutlich zu niedrig gewesen. „Dieser Wert ist für einen gesunden Menschen nicht zu erreichen“, sagte die Sanitäterin und ihr Kollege ergänzte: „So einen niedrigen Wert habe ich noch nie gesehen.“ Nach Medikamenten gefragt, berichtete die Ehefrau von Schmerzmitteln, die er genommen und von einer Vitaminspritze, die sie ihm am Vorabend gegeben habe. Die Frau sei während der Behandlung nicht von der Seite der Sanitäter gewichen. „Sie zeigte wenige sichtbare Reaktionen auf den Zustand des Mannes“, erzählte die Sanitäterin.

Schnellwirkendes Insulin

Die Sanitäter mussten ihm  insgesamt deutlich mehr Glucose verabreichen, als es bei einem Patienten mit Unterzucker üblich ist, da der Wert immer wieder absank. Zunächst vermuteten die Ärzte im Krankenhaus einen Tumor an der Bauchspeicheldrüse. Schließlich zeigten die Untersuchungen, dass ihm keine Vitamine sondern Insulin gespritzt worden ist. Dabei handelte es sich um ein schnellwirkendes Insulin, das ihm vermutlich mehrmals verabreicht wurde. „Hätte er die 300 Einheiten auf einmal bekommen, wäre er sofort tot gewesen“, sagte die behandelnde Diabetologin vor Gericht. Das deckt sich mit den Ergebnissen von Wehner. Die beschriebenen Symptome am frühen Morgen  passten dazu, dass bereits am Vorabend Insulin verabreicht wurde. Die deutliche Verschlechterung am Nachmittag „spricht dafür, dass nochmal Insulin abgegeben worden ist“, sagte Wehner. „Es ist seiner Fitness geschuldet, dass er das überlebt hat.“

Die Verhandlung wird am Freitag, 15. November, fortgesetzt.