Reutlingen Nostalgie und Pferdestärken

Reutlingen / Von Norbert Leister 20.08.2018

Der Andrang auf dem Reutlinger Marktplatz war am Sonntag phänomenal. „Um halb 9 standen schon die ersten hier vor dem Info-Stand – da waren wir noch gar nicht fertig mit den Vorbereitungen“, berichtete Dieter Scheib. Die allerersten, die kamen, war ein Ehepaar aus Mähringen, beide weit über 80 Jahre jung. Das Fahrzeug, in dem sie saßen, hatte allerdings noch ein paar Jahre mehr auf dem Buckel: Baujahr 1926. Ein Ford, mit Kurbel vorne dran, „ich hab aber einen Anlasser eingebaut“, verrät der Besitzer. Neue Kolben seien auch drin und ein neuer Kühlergrill, „alles selbst eingepasst“.

Solche und ähnliche Geschichten waren beim 12. Oldtimertag zuhauf zu hören – die Besucher fachsimpelten mit den Ausstellern, tauschten Erfahrungen aus, fragten nach, ließen sich erklären, staunten mit großen Augen über BMW, Ford, Jaguar, VW, Ente, R 4, Chevrolet Corvette und natürlich Daimler und Porsche. Sowohl das Publikum wie auch die Aussteller eint eines – Auto- oder Motorradliebhaber sind sie allesamt. Die einen schwärmen für wahrlich historische Personenkraftwagen. „Das ist halt Nostalgie. Die Jüngeren aber finden eher die Boliden mit ganz viel PS toll“, betonte Dieter Scheib, der als Vorsitzender des Vereins Oldtimerfreunde Neckar-Alb-Schönbuch schon seit elf Jahren hinter dem Oldtimertag in Reutlingen steht.

Der Andrang wird dabei jedes Jahr größer. „Mehr als 170 Fahrzeuge dürfen wir aber nicht auf den Marktplatz und in die angrenzenden Gassen sowie einen Teil der Wilhelmstraße reinlassen“, so Scheib. Weil Sicherheitsvorschriften eingehalten und Feuergassen immer freibleiben müssten. „Das wollen nicht alle einsehen, die zum eigentlichen Beginn um 10.30 Uhr oder später hier auftauchten“, betonte der Veranstalter. Aber wenn kein Platz mehr verfügbar sei, „dann bleibt nur die Fahrt in die Tiefgarage“. Es blieb allerdings der Trost, ab 13 Uhr bei der Ausfahrt auf die Alb mit dabei sein zu können.

„Wer will, kann sein Fahrzeug hier am Start vorstellen lassen“, so Scheib. Viele der somit weit mehr als 170 Oldtimer-Besitzer nahmen diese Möglichkeit an – auch um dem Publikum ihre Schmuckstücke sozusagen mit allen Sinnen zu präsentieren. Also nicht nur die auf Hochglanz polierten Fahrzeuge vor Augen zu führen, sondern sie auch riechen zu lassen und zu Gehör zu bringen. Und zwar manche mit gewaltigem Röhren, Dröhnen oder gar Jaulen – das dem ein oder anderen Freund der vielen Pferdestärken einen eiskalten Schauer über den Rücken jagte. Was andere schlichtweg als Lärmbelästigung empfinden, ist für diesen Teil der Menschheit offensichtlich pure Musik. Quasi Mozart aus dem Auspuff. Dazu passte auch die Aussage eines Zuschauers, der verlautbaren ließ: „Wenn wir mit dem hier fahren würden, wären wir der King.“

Der Traum von einem anderen, besseren Leben in einem tierisch aufgemotzten Fahrzeug? Andere, wie ein Paar aus Westerheim zelebrierten ihren Auftritt mit „einem außergewöhnlichen mehrfach prämierten Oldtimer-Cabriolet Lagonda Aston Martin Baujahr 1949 – davon gibt es nur noch drei Exemplare“, wie sie in einer Mail an die Medien schon weit vor dem Oldtimertag verkündet hatten.  „Die nehmen immer an Oldtimer-Prämierungen in Baden-Baden teil, haben schon viele Preise gewonnen und waren vergangenes Jahr mit einem Rolls Royce hier“, berichtete Dieter Scheib von einer anderen Welt.

Auch wenn das Flair mitten in der Stadt hier ein ganz besonderes und anderes sei als etwa in Industriegebieten oder auf der „grünen Wiese“ – für die Veranstalter werde es laut Scheib immer schwieriger, die Genehmigungen und Auflagen zu erfüllen. Mindestens 25 Ordner müssten etwa gestellt werden – „die müssen dafür sorgen, dass die Stadt frei bleibt“. Ansonsten wären alle Straßen und Gassen rund um den Marktplatz gefüllt mit alten Fahrzeugen – was dem Publikum des Oldtimertages mit Sicherheit gefallen hätte. Aber auch gleichzeitig die Durchfahrt des sonstigen Verkehrs behindert hätte.

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