Reutlingen Nimm hin den letzten Kuss!

Reutlingen / SUSANNE ECKSTEIN 21.05.2015
Eine Welt-Ersteinspielung für den SWR war jüngst in der Christuskirche Reutlingen zu erleben: Johann Matthesons neu entdecktes Oratorium "Chera".

Wahre Schätze lagern immer noch in Bibliotheken und Archiven. Manchmal holen Spürnasen sie ans Licht und übertragen die alten Handschriften in modernes Notenbild. Wirklich lebendig werden sie, wenn sie musiziert werden - etwa durch historisch informierte Musiker wie Christian J. Bonath und seine Mitstreiter.

In Reutlingen seit 2012 als Leiter des Knabenchors capella vocalis bekannt, engagiert er sich unter anderem für die Werke von Johann Mattheson, assistiert von "seinen" Wormser Ensembles Pulchra Musica und Ensemble Paulinum.

Vergleichsweise wenig Interessierte hatten sich zum Aufnahmetermin in der Christuskirche eingefunden. Dabei war nach der charmanten Begrüßung durch SWR-Redakteurin Anette Sidhu-Ingenhoff hochkarätige "neue" Barockmusik geboten, zwar etwas steriler als gewohnt, da eher an die strenge Instanz "Hörfunk" gerichtet als ans Publikum, doch insgesamt klangschön, harmonisch und ausgefeilt bis ins Detail.

Zwei Kantaten von Zeitgenossen Johann Sebastian Bachs kamen zu Gehör, zunächst die Bußkantate "Erbarm dich mein, o Herre Gott" von Christoph Graupner. Auch hier rahmen Choräle ein paar Rezitative und Arien mit blumigen Texten, verteilt auf Chor, Instrumente und Solisten, hier lebhaft dirigiert durch Christian Bonath an der Truhenorgel. Kompositorisch zeigen sich bei Graupner Schwächen, die im Verbund mit der schwierigen Faktur den Solisten einiges abverlangen.

Letztere traten sängerisch souverän hervor und fügten sich zugleich harmonisch ins Ensemble. Allen voran Susan Eitrich, Gesangspädagogin in Reutlingen und Mitglied des Pe·alosa-Ensembles, aus dessen Reihen auch Sebastian Mory das Ensemble Paulinum verstärkte. Sie verlieh der gläubigen Seele in Graupners Kantate ihre "historisch" geschulte weiche Stimme, aber auch der Trauer der Witwe und der personifizierten "Andacht" in Matthesons Kantate.

Nicht nur die Kantate "Chera" des als Musiktheoretiker bekannten Johann Mattheson feierte Auferstehung, vom Tode auferweckt wird in ihr auch der Jüngling zu Nain aus der Bibel; "Chera" (griechisch "Witwe") ist seine Mutter.

Im ersten Teil muss der junge Mann erst einmal sterben, Opernkomponist Mattheson hat das ausgiebig ausgemalt. "Was ist der Mensch? Ein Erdenkloß", singt der Chor, Mutter und Sohn verabschieden sich tränenreich: "O harter Himmelsschluß!" - "Nimm hin den letzten Kuß." Dass man das Stück trotz der Texte ernst nehmen kann, ist der einfühlsamen und dabei kunstvoll-natürlichen Interpretation sowie Matthesons teilweise hervorragender Musik zu verdanken. Die Arie "Netzt, ihr Augen" bildet als ausdrucksvolles Lamento mit sprechender Streicherbegleitung einen Zentralpunkt, der auch im zweiten Teil mehrfach angesteuert wird.

Sogar Jesus singt hier eine Arie - bei Bach wäre das undenkbar. Originell sind auch die Pizzicato-Begleitungen der Streicher und der variantenreiche Chorsatz; die Arie des Glaubens "Ich sterbe vergnügt" (Bass-Solo: Florian Hartmann) überrascht mit lebhaften Koloraturen und kontrastierenden Abschnitten.

Die Freude über die Auferstehung vom Tod teilt sich in einem effektvollen Chorsatz mit, der - anders als das eigentliche, altmeisterlich fugierte Finale - in der gelöster musizierten Zugabe Ohrwurm-Qualitäten offenbart.

Nochmals oder neu hören kann man das Konzert auf SWR2 in der Reihe "Geistliche Musik", die samstags ab 19.05 Uhr ausgestrahlt wird.

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