"Willkommen in den Sixties" hieß es am Freitag bei der Musicalpremiere des BZN. Als Kontrast zum vorherigen Stück, das durch den Lotto-Musiktheaterpreis ausgezeichnete "Jekyll & Hyde", welches viel Gewalt und Blut beinhaltete, habe sich die AG diesmal für ein Showmusical entschieden, erklärte der musikalische Leiter Michael Manz.

Bunt, schrill und dynamisch, ganz im Sinne des Verfassers John Waters, setzten die Schüler "Hairspray" vor vollem Haus um. Seit September hatten sie dafür geprobt. Am musikalischen Großereignis beteiligten sich rund 100 Mitwirkende, davon 25 Orchestermusiker und 45 Schauspieler und Sänger. Stimmgewaltig und in Bigband-Manier überzeugte die AG unter der Regie von Christina Reges-Manz. Kaum ein Bein im Publikum wippte nicht zum mitreißenden Rockn Roll-Beat. Manch einer fühlte sich zurückversetzt in seine Jugendzeit.

"Good Morning Baltimore" singt das moderne Aschenputtel Tracy, gekonnt gespielt von Berya Inci, zu Beginn des Stückes in Erwartung eines großen Abenteuers. Innerhalb der ersten Sekunden zückt sie bereits ihr Haarspray. Die toupierte Pracht à la Jacky O. bringt ihr sogar Nachsitzen ein, und ihre Mutter bescheinigt ihr, sie sehe aus wie rückwärts durch die Hecke gezogen.

Trotz perfekt sitzender Frisur hat Tracy jedoch ein Manko: Sie ist pummelig. Unerfüllbar scheint daher zunächst der Traum von einem Tanzauftritt in der Corny-Collins-Show mit den "anderen coolen Kids". Diese verfolgt sie jeden Tag sehnsüchtig vor dem Röhrenfernseher, ihre bügelnde Mutter im Hintergrund. Die AG hat die Unerreichbarkeit sogar räumlich dargestellt: Glitzerwelt und Wohnzimmer befinden sich auf separaten Bühnen.

Will die sympathische Tracy den Titel der Miss Hairspray der Show erringen und ihrem Schwarm Link näher kommen, muss sie mit Hilfe ihrer besten Freundin Penny erst einmal an ihrer reaktionären Rivalin Amber, alias Anne Raab, vorbei. Die wird von ihrer Mutter, der Show-Produzentin Velma, verkörpert durch Selina Jetter, tatkräftig unterstützt. Meisterhaft stellte Jetter den manipulierenden, männermordenden Vamp mit affektierter, sich überschlagender Stimme dar.

An dem Vorsatz Corny Collins "Wir brauchen endlich Kids, die aussehen wie die Kids, die uns zuschauen" könnte sich so manch modernes TV-Format eine Scheibe abschneiden. Dank ihm bekommt Tracy eine Chance. Ihre ungläubige, ungezügelte Freude über den Auftritt spielte Inci äußerst glaubwürdig. Vielleicht freute sie sich ebenso über ihren großen Part.

Einer der Höhepunkte ist traditionell die Rolle der Edna, Tracys Mutter. Der Drehbuchautor schrieb sie seinem Freund, der Dragqueen Divine, auf den Leib. Auch das BZN besetzte sie mit Fabian Schlobach mit einem Mann. Am Anfang noch die bescheidene Hausfrau, die laut Tracy "sowas von Fünfziger ist", entwickelt sich diese gegen Ende zur Stimmungs- und Sexbombe mit gigantischem Ausmaß. Bringt sie ihre Massen erst einmal in Bewegung, hält sie nichts mehr auf. Bei ihren Soloparts klatschte auch das Publikum begeistert im Rhythmus mit. Und so gehörte ihr auch der ganz große Auftritt am Ende: Statt aus einem trojanischen Pferd stürmt sie aus einer rießigen Haarspray-Flasche die Tanzshow.

Trotz allem Humor beherbergt das Stück aber auch eine ernste Seite. Tracy ruht sich nicht auf ihrem Ruhm aus, sondern will auch ihren schwarzen Freunden Seaweed und Motormouth eine Bühne in der Show geben. Diskriminierung und Rassentrennung waren in den sonst so quietschbunten Sixties noch an der Tagesordnung. Daher ließ die AG bei einem Solopart Seaweeds - Benjamin Burballa mit Föhnwelle - Bilder der afroamerikanischen Protestmärsche im Hintergrund laufen. "Afrotastisch" fand Tracy auch ihren Plan, die Show gemeinsam zu stürmen.

Liebevoll war nicht nur das Stück selbst, sondern auch das Rundherum des Auftritts gestaltet. So konnten die Zuschauerinnen sich auf der Schultoilette mit der toupierten Mähne Tracys - einer Papierschablone - schmücken oder ihrer Haarpracht mit "Hairspray" wieder neuen Sitz verschaffen. Und auch die Cocktails an der Bar mundeten dem Publikum.

Angesichts der Professionalität vergaß man zeitweise gar, sich eine Schülerproduktion anzusehen und fühlte sich stattdessen an den Broadway versetzt. Nicht nur den Beat, sondern auch die Darsteller konnte niemand stoppen. Dass das Dargebotene für sich sprach, fand offenbar auch Schirmherr Michael Donth. Der Bundestagsabgeordnete sparte sich Lobeshymnen und übergab nach dem Auftritt Blumen.