Reutlingen Niemand stand an ihrer Seite

Reutlingen / Carola Eissler 03.11.2018

Hätte die Shoa, der Völkermord an den europäischen Juden mit sechs Millionen Ermordeten, verhindert werden können, wenn in jener Nacht Bürger Widerstand geleistet hätten? Die Frage ist müßig, denn die Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 war zwar von oberster Stelle gelenkt und von SA- und SS-Schergen ausgeführt, doch die Bevölkerung war schon seit Hitlers Machtübernahme 1933 mit antisemitischem Hass gefüttert worden und rührte keinen Finger für die jüdischen Nachbarn. Es gab ganz wenige Ausnahmen. Die Enteignung der Juden und die Arisierung der Geschäfte, die nun vollends vorangetrieben wurde, machten sich Konkurrenten zunutze und bereicherten sich daran.

In Reutlingen gab es 1938 noch einige jüdische Geschäfte von einst 18. Dies waren das Kaufhaus Tanne in der Wilhelmstraße, das Zigarrengeschäft Frech-Salmon in der Katharinenstraße, das Elektrogeschäft Salmon in der Krämerstraße, die Niederlassung der Berliner Firma Hansa in der Lederstraße, die Kunstlederfabrik Julius Votteler, das Schuhgeschäft Rosenrauch in der Wilhelmstraße und die Buntweberei Bernheim in Bronnweiler. Die Hetze gegen jüdische Geschäfte hatte bereits mit dem Boykottaufruf im Frühjahr 1933 begonnen, zahlreiche Unternehmen und Warenhäuser waren 1938 bereits arisiert oder teilarisiert. Im Mai 1933 hatte der Reutlinger Gemeinderat, ohne die acht SPD-Stadträte, ein Rundschreiben verfasst, in dem  die Bevölkerung dazu aufgefordert wurde, nicht in jüdischen Geschäften einzukaufen.

Der 9. November 1938 war ein Mittwoch. Am Wochenende zuvor war im Markwasen noch ein „fröhliches Winzerfest“ gefeiert worden und der Männerverein beging sein 75-jähriges Bestehen. An jenem 9. November veranstaltete die NSDAP in der Listhalle eine Feier für die „Helden der Bewegung“. Historiker sind sich heute einig darüber, dass die Pogromnacht keineswegs ein spontaner Beschluss war, sondern gezielt gelenkt. Die SA- und SS-Trupps konnten dabei auf das Einverständnis und die Unterstützung der Bevölkerung zählen. Der Antisemitismus war weit verbreitet und Geschäftsleute und Nachbarn profitierten nicht selten von der Ausplünderung der jüdischen Bürger.

Der Reutlinger SA-Standartenführer Karl Schumacher klingelte in der Nacht vom 9. auf den 10. November an der Wohnung des Schuhhändlers Rosenrauch. Der Geschäftsmann wurde verhaftet und ins KZ Dachau transportiert, sein Laden demoliert und sämtliche Schuhe auf die Wilhelmstraße geworfen. Auch Willy Salmon kam in dieser Nacht ins KZ Dachau, sein gesamtes Vermögen wurde durch den Reutlinger Obergerichtsvollzieher versteigert und verschleudert.

In den vergangenen Jahren ist das Schicksal der Familie Maier in Reutlingen bekannter geworden. Im Frühjahr 2017 war ein Stolperstein vor ihrem ehemaligen Haus in der Kaiserstraße verlegt worden. Dort, wo die Familie bis 1937 wohnte. Adolf Maier war Immobilienhändler und wurde von den Nazis in den wirtschaftlichen Ruin getrieben. Er nahm sich das Leben. Seine Frau Babette wurde 1942 in Auschwitz ermordet. Die Kinder Gerhard und Hannelore waren von den Eltern rechtzeitig nach England gebracht worden, wo sie den Krieg überlebten.

Die zerstörten Geschäfte Rosenrauch und Salmon waren die letzten jüdischen Geschäfte in Reutlingen. Die 1938 noch verbliebenen Geschäfte waren bereits arisiert oder wurden es am 12. November 1938 mit der „Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben.“ Einige Bürger jüdischen Glaubens blieben noch in Reutlingen, so zum Beispiel die Familie Spiro, die im Sommer 1942 deportiert und in Riga ermordet wurde.

Willy Salmon wurde 1939 aus dem KZ Dachau entlassen und wanderte sofort nach New York aus. Anfang der 1950er Jahre stellte er einen Antrag auf Wiedergutmachung für seinen geraubten Besitz. Das Wiedergutmachungsamt sprach ihm eine Entschädigung von 150 Mark zu, die erst 1960 überwiesen wurden. Da war Willy Salmon schon ein Jahr tot.

Erst seit 15 Jahren gibt es in Reutlingen wieder jüdisches Leben. 2003 wurde der Betsaal in der Lederstraße eingeweiht, heute hat die Gemeinde, eine Filialgemeinde der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg/Stuttgart, etwa 120 Mitglieder, vorwiegend aus den ehemaligen GUS-Staaten. Am Gebäude außen weist kein Schild auf das jüdische Zentrum hin. Aus gutem Grund. Der Antisemitismus und der Hass auf Juden sind nie verschwunden.

Die Pogromnacht vom 9. auf 10. November 1938

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden nach neuesten Recherchen von Historikern mindestens 1400 Synagogen und Bethäuser zerstört, 50 000 Juden wurden deportiert, 1300 Menschen kamen in unmittelbarer Folge der Reichpogromnacht ums Leben.

Quellen: „Es gab Juden in Reutlingen“, Bern Serger und Karin-Ann Böttcher, Stadtarchiv Reutlingen 2005; Zeitungsberichte, Stadtarchiv Reutlingen.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel