Als einziger staatlicher Realschule in Reutlingen kommt der Eichendorff-Realschule (ERS) eine besondere Bedeutung zu. Das spiegelt sich in den Anmeldezahlen wider, derzeit gibt es sechs fünfte Klassen bei einer Gesamtzahl von 875 Schülern. Bereits jetzt hat die Schule die ab nächstem Jahr unter dem Stichwort „Realschule neu“ verbindliche Unterscheidung in „Grund- und Mittelniveau“ umgesetzt.

Die ersten beiden Klassen gelten als Orientierungsstufe, in der alle Schüler nach den höheren Anforderungen unterrichtet, benotet und in jedem Fall nach dem ersten Jahr auch versetzt werden.

Der neue Ansatz trägt der Tatsache einer weitaus heterogeneren Schülerschaft, als sie bei Gemeinschaftsschulen zu finden ist, Rechnung. Landesweit kommen 20 Prozent der Kinder mit einer Gymnasialempfehlung auf die Realschule, bei den Gemeinschaftsschulen ist dieser Anteil auf acht Prozent gesunken, berichten Schulleiter Klaus Michelsburg sowie seine Stellvertreterin Christiane Linssen im Gespräch mit unserer Zeitung.

Nach den ersten beiden Jahren mit gemeinsamem Unterrichtsniveau erfolgt die Differenzierung. Auf der ERS soll dies innerhalb des Klassenverbunds erfolgen. „Wir rechnen ohnehin nur mit zwei oder drei Schülern pro Klasse“, so Michelsburg. Der Ansatz hierzu findet sich im Individuellen Arbeiten, das von Klasse 5 bis 7 in den Hauptfächern Deutsch, Englisch und Mathematik in drei Wochenstunden eine zweite Lehrkraft vorsieht. So ist eine intensivere Betreuung sowohl von schwächeren wie auch von leistungsstärkeren Schülern möglich.

Im neuen Schuljahr kann die ERS über weitere fünf „Differenzierungsstunden“ pro Zug verfügen. Parallel dazu soll die bislang den Klassen 5 bis 7 vorbehaltene Lernberatung auch den Achtklässlern angeboten werden. Dabei können die Schüler mit dem Lehrer ihr Lernverhalten und ihre Arbeitsstrategien besprechen und gegebenenfalls neu ausrichten. So lernen die Kinder nicht nur mit professionellen Methoden ihre Arbeit effektiv zu organisieren, sondern sie stehen bei der Beratung individuell im Mittelpunkt.

Gute Erfahrungen im Schulalltag haben die Lehrer auch mit der „Quali-Card“ gemacht. Auf ihr wird positives Verhalten vermerkt, und im Gegenzug werden Schülern, die sich an die Regeln halten, Vorteile eingeräumt. „Wir wollen nicht immer nur Verstöße sanktionieren, sondern auch den umgekehrten Weg gehen“, so Linssen. Eine Vorreiterrolle nimmt die ERS auch beim bilingualen Unterricht ein. So werden die Fächer Geographie und Kunst bereits in der fünften Klasse in englischer Sprache unterrichtet.

Als Realschule bietet die ERS den mittleren Bildungsweg. Dabei erfolgt der Unterricht im Klassenverband, ohne kooperative Lernformen zu vernachlässigen. „Es gibt natürlich eine klare Leistungsrückmeldung durch Noten“, betont Michelsburg. Die Schule setzt auf eine Mischung neuer und bewährter Elemente. Dazu gehört der Klassenverband. Hier können die Kinder sich untereinander weiter helfen. Eine optimale Betreuung durch die Lehrer garantiert die vor sieben Jahren eingeführte Teamstruktur. Jede Lehrkraft gehört einem der sechs Teams an, die ihrerseits wieder jeweils eine Klassenstufe zugeordnet sind. „Die Klassenlehrer bilden den Kern der Teams“. Die enge Zusammenarbeit ermöglicht problemlos Absprachen und bietet die Chance, Konflikte rasch zu erkennen und zu entschärfen.

Es gibt zwar keine verbindliche Ganztagesbetreuung, aber viermal wöchentlich werden die Kinder auf Wunsch verlässlich bis 16 Uhr betreut. Das schließt die Hausaufgaben wie auch Freizeitangebote ein. Federführend ist ein Förderverein und  die Eltern müssen im Gegenzug einen finanziellen Beitrag leisten.

Als klaren Vorteil werten Michelsburg und Linssen die vergleichsweise längere Schulzeit, denn 40 Prozent der ERS-Absolventen besuchen im anschluss an die zehnte Klasse noch ein berufliches Gymnasium und erwerben dort die Allgemeine Hochschulreife. „Damit lernen sie nach G-9-Bedingungen“, hebt der Schulleiter hervor. Weitere 40 Prozent entscheiden sich für ein Berufskolleg und 20 Prozent wählen den direkten Einstieg in die Berufswelt. Dort sind Realschulabsolventen begehrt, wie Linssen verstärkt in letzter Zeit bei Anrufen von Firmen, die sich nach einer Kooperation erkundigen, festgestellt hat.

20%


der Kinder mit einer Gymnasialempfehlung kommen landesweit aus Grundschulen auf die Realschule, bei den Gemeinschaftsschulen ist dieser Anteil auf acht Prozent gesunken.