Reutlingen Neue DRK-Gymnastik für Demenzkranke und ihre Angehörige

Reutlingen / MAREIKE MANZKE 27.08.2013
Die Diagnose Demenz verändert vieles. Die Betroffenen ziehen sich immer mehr zurück und die pflegenden Angehörige finden kaum noch Zeit für eigene Aktivitäten. Gemeinsamer Sport kann da helfen.

"Eigentlich unterscheiden sich die Übungen für Demenzkranke gar nicht so sehr von denen mit normalen Senioren. Man muss sich nur mehr Zeit lassen", vergleicht Übungsleiterin Birgit Glatz. Sie muss es wissen, denn schon seit sieben Jahren leitet sie DRK-Seniorensportgruppen und ab Mai erstmalig einen speziell auf Demenzpatienten ausgerichteten Kurs in Bad Urach.

Nun soll das Angebot, das sich an noch zu Hause lebende Betroffene richtet, auch nach Reutlingen kommen. Einige Pflegeheime hätten zwar entsprechende Treffen, die auch für Erkrankte von außen offen seien, aber viele hätten das Gefühl: "Da gehöre ich noch nicht hin", berichtet Christel Meixner von der Alzheimer Beratungsstelle des DRK.

Und die Bewegungsgruppe verspricht den Teilnehmern viele Vorteile. Wissenschaftliche Studien haben nachgewiesen, dass körperliches Training den Fortschritt der Erkrankung verlangsamt und dabei hilft, die Ausübung von Alltagsfunktionen so lange wie möglich zu erhalten. Gerade wenn es zu anstrengend wird, die Krankheit zu vertuschen, ziehen sich viele Erkrankte in die eigenen vier Wände zurück und befinden sich zunehmend in einem Kreislauf aus Einsamkeit und Depressionen. Da stärkt das Gruppenerlebnis das Selbstwertgefühl und schafft neue Lebensfreude.

Das Sportprogramm baut auf drei Säulen auf: Am wichtigsten ist vor dem Krankheitshintergrund die Verbindung von Denk- und Bewegungsleistung. Dabei werden beispielsweise Farb- oder Buchstabenkarten im Raum aufgehängt, auf die die Senioren per Anweisung zusteuern. Daneben werden auch normale Kraft- und Gleichgewichtsübungen durchgeführt. So wird die Sturzgefahr im Alltag reduziert. Allem voran sollen aber alle Spaß am gemeinsamen Spiel, Tanz und Gesang haben. Besonders die Ballspiele seien beliebt, vor allem bei ehemaligen Ballsportlern, erzählt Birgit Glatz.

Allgemein arbeitet sie in der Gruppe viel mit den Händen, da diese besonders eng mit dem Gehirn verknüpft sind. Dabei werden die Fäuste geballt, mit den Handflächen über Oberflächen gestrichen, mit den Fingern Buchstaben in die Luft gemalt oder mit Ringen und Gummibändern gespielt.

"Die konkrete Umsetzung kann schon mal schwer sein", meint die Übungsleiterin. Bei Anweisungen müsse sie sich genau überlegen, was funktioniere könnte und was nicht. Beispielsweise würde die konkrete Aufforderung, doch mal wie in der Schule zu strecken, sehr viel besser verstanden als einfach nur das Kommando "Hebt bitte den rechten Arm". Das Vormachen sei aber der eigentliche Schlüssel zum Erfolg. Generell versucht Birgit Glatz, individuell auf die Betroffenen zuzugehen und darauf zu achten, was die Erkrankten von selbst anbieten. So gibt sie manchmal keine Übung vor, sondern fordert auf, dass alle die Bewegung eines Teilnehmers nachahmen.

"Überhaupt geht es nicht darum, die Übungen perfekt umzusetzen", unterstreicht sie. Es solle zwangfrei und ohne Versagensängste gesportelt werden. Im Prinzip sei jede Bewegung an sich bereits ein Erfolg. Dabei werde dann natürlich auch viel gelobt. Und vor den anderen müsse auch nichts peinlich sein, da sie ähnliche Schwierigkeiten haben oder auf sich zukommen sehen.

Neben den Erkrankten sind auch deren Angehörige willkommen. Oft freuen sich diese über eine eigene Möglichkeit zum Sport und Austausch. Die Krankheit führe nämlich oft ebenfalls zur Isolation der pflegenden Partner, die sich voll auf die Betreuung konzentrierten, berichtet Meixner. Sie können die gewonnene Stunde aber auch für eine kleine Erholungspause nutzen, die sie sonst nur selten bekommen.

Manchmal werden die Begleitpersonen überrascht von den Fähigkeiten des Patienten. "Was, so etwas kann der noch?", habe eine Ehefrau erstaunt ausgerufen, als ihr erkrankter Mann nach Jahren wieder einen deutschen Satz sprach, erinnert sich Birgit Glatz. Dieser war in England aufgewachsen und hatte mit fortgeschrittener Krankheit nur noch in seiner Muttersprache Englisch kommuniziert.

Ob die Teilnahme bei einem starkem Krankheitsfortschritt noch sinnvoll sei, müsse man individuell ausprobieren. Eigentlich könne jeder mitmachen, der sich nicht komplett verweigere. Dies setze noch nicht einmal unbedingt eine besonders aktive Partizipation voraus. "Für manche ist es auch einfach schön, mal unter Leuten zu sein und der Musik zuzuhören", stellt Birgit Glatz fest.

Info Ab 9. September trifft sich die Gymnastikgruppe immer montags von 15.30 bis 16.30 Uhr im DRK-Haus am Ledergraben 92. Die Kosten betragen 2,50 Euro pro Person. Nähere Infos und Anmeldungen unter Telefon: (07121) 345397-31.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel