Reutlingen Neubeginn mit Weltmusik

Das Hadar Noiberg Trio spielt beim ersten Konzert in Tobias Festls neuem Reihen-Domizil "Pappelgarten" auf.
Das Hadar Noiberg Trio spielt beim ersten Konzert in Tobias Festls neuem Reihen-Domizil "Pappelgarten" auf. © Foto: Jürgen Spiess
Reutlingen / JÜRGEN SPIESS 08.02.2016
Wer hätte das gedacht: Gut 120 Fans pilgerten Freitag in den Reutlinger Stadtteil Orschel-Hagen. Beim Auftaktkonzert in Festls neuem Jazz-Domizil "Pappelgarten" gab's Weltmusik mit Flötistin Hadar Noiberg.

Die Spannung beim Publikum ist zum Greifen nah, die Erleichterung ist in den Gesichtern von Tobias Festl und Markus Strempel deutlich abzulesen. Der Grund? Der Startschuss für den neuen Spielort "Pappelgarten", an dem zukünftig die Jazzkonzert-Reihe des Vereins "TheMu" über die Bühne geht.

Nicht nur wegen der erst kurz vor Konzertbeginn abgeschlossenen Putz- und Renovierungsarbeiten im Festsaal des ehemaligen Naturfreundehauses waren Zweifel angebracht: Würden die Reutlinger Stammbesucher den längeren Weg zum weiter außerhalb gelegenen Spielort hinterm Friedhof Römerschanze mitgehen? Eignet sich der wie ein Relikt aus alten Zeiten anmutende und relativ niedere Festsaal überhaupt für Jazzkonzerte? Ist das Ambiente attraktiv genug, passen die Soundverhältnisse und gibt es genügend Parkplätze?

Fragen über Fragen, die sich vor und spätestens während des zweistündigen Konzerts des Hadar Noiberg Trios in Schall, Rauch und Wohlgefallen auflösen.

Denn der gut 250 Quadratmeter große Festsaal bietet sogar etwas mehr Besuchern Platz als das bisherige Domizil der Reihe, das Kontrabass-Atelier in der St.-Leonhard-Straße. Er überzeugt außerdem durch sein sympathisch-schrulliges Ambiente, einen schönen Barbereich und gute Soundverhältnisse - trotz der relativ niederen Decke. Zudem bietet das neue Jazz-Domizil die Möglichkeit, vor dem Konzert in der angrenzenden Gastwirtschaft etwas zu essen.

Genügend Parkmöglichkeiten sind ebenfalls vorhanden. Zweifellos ist das Ambiente nun anders als vorher, etwas verschrobener, weniger zeitgeistig, mit einer guten Prise 60er-Jahre-Charme. Dazu ein dunkler Laminatboden in Holz-Optik, Tapeten mit Barockmuster und Lampenschirme, die als ausrangierte Trommeln und Schlagzeugbecken von der Decke baumeln.

Nicht nur das Ambiente passt, auch das Publikum strömt beim Auftakt in Scharen. Gut 120 Besucher mögen es wohl gewesen sein, die nach der Begrüßung der beiden Betreiber die Konzertpremiere mit dem in New York beheimateten Hadar Noiberg Trio erleben.

Auch musikalisch erwartet die Besucher eine Überraschung: Denn die Flötistin Hadar Noiberg, die mit klassischer Musik und Halbtonskalen des Mittleren Ostens aufgewachsen ist und seit Jahren im Schmelztiegel New York lebt, hat ein genreübergreifendes Konzept erstellt, das sich sowohl in westlicher als auch orientalischer Musik bedient. Zudem präsentiert sie ihren Mix aus Weltmusik und Jazz ganz ungewohnt mit einer Querflöte als Führungsinstrument.

Noiberg, Haggai Cohen Milo (Kontrabass) und Ofri Nehemya (Schlagzeug) gehen sichtbar in ihren Klangwelten auf, lassen sich bei der Melodieentwicklung, dem gegenseitigen Zuspielen der musikalischen Bälle aufeinander ein und verkörpern eine Symbiose, wie sie typisch ist für den Zwischenbereich von Weltmusik und Jazz mit orientalischem Esprit. Dabei gibt die Israelin in den klar strukturierten Kompositionen den Rahmen vor. Sie bestimmt den Rhythmus, lässt ihr Instrument mal wie ein Saxofon aufheulen und im nächsten Moment mittels übereinander gelegter Loops wie ein Flöten-Orchester erklingen. Der mal zupfende, mal streichende Bassist führt meist fort, was die Bandleaderin oder der agil trommelnde Ofri Nehemya rhythmisch anregen, und zaubert aus seinem Instrument rhythmisch akzentuierte Klangstrukturen.

Die Einflüsse des orientalischen Kultur- und Lebensraumes zitiert Hadar Noiberg fast beiläufig (etwa in einem israelischen Liebeslied), füllt damit aber die entscheidenden Zwischenräume aus. Am Ende gibt es zwei Zugaben und eine Gesangseinlage mit dem Publikum. So kann's weitergehen im "Pappelgarten".