Landesnarrentreffen Narren regieren die Stadt

Reutlingen / Ralph Bausinger 21.01.2018

Fast 30 Stunden war die Achalmstadt am Wochenende fest in Narrenhand. Das 111-jährige Bestehen der 1. Reutlinger Karneval-Gesellschaft wurde mit einem Landesnarrentreffen angemessen begangen. Höhepunkt des ersten Tages war die Jubiläumsprunksitzung in der mit 400 Besuchern gefüllten Stadthalle.

Der Männerverein Reutlingen hatte bei seiner Rückkehr aus dem Eninger Exil ein buntes Programm zusammengestellt. Laut und schrill umrahmten die Guggenmusiker der 1. Forlebuzzel-Zunft aus Hambrücken der Einzug der Akteure.

Der Zuckerhut Europas

Oberbürgermeisterin Barbara Bosch dachte in ihrer nicht ganz 111-minütigen Begrüßungsrede schon einmal laut über eine „Visumspflicht“ für die Narren beim nächsten Jubiläum nach, sofern diese wieder abtrünnig würden. Stünden sie jedoch fest zur bis dahin kreisfreien Stadt, dürften sie auch die bis dahin „keimfreien“ Wasserspiele zum Duschen nutzen. Die Rathauschefin brachte zudem eigene Ideen zum Markenbildungsprozess ein. Mit Blick auf die langjährige Karnevalstradition könnte sich Reutlingen doch als „Rio de Janeiro am Fuße der Achalm“ oder als der „Zuckerhut Europas“ verkaufen.

Anschließend zeigten die gerade einmal sechs bis zehnjährigen Mädels der MVR-Kindergarde, was sie schon drauf haben. Mit Luisa Gutekunst und Vivien Schrade hatten zwei von ihnen bereits den einleitenden Prolog gesprochen.

Die Gardemädels der Stuttgarter Gesellschaft Möbelwagen hatten für ihren Schautanz ein politisches Thema gewählt, das die Landeshauptstadt Stuttgart und Reutlingen verbindet: „Feinstaub­alarm !: Wenn der Bürgermeister träumt.“ Die Lösung des Problems: den Feinstaub einfach wegsaugen. Einen Staubsauger hatte Wommy Wonder alias Elfriede Schäufele zwar nicht dabei. Der Auftritt der selbsternannten „Fachkraft für Energie und Lebensfreude“ war fraglos einer der Höhepunkte der von Ralph Keck moderierten Prunksitzung. So besang der Travestiekünstler nicht nur die schwäbische Kehrwoche, sondern lästerte auch ausführlich über Andrea Bergs und Helene Fischers Lieder. Und vergaß dabei nicht, sich auch selbst mit Blick auf die Leibesfülle aufs Korn zu nehmen: „Von der Veranlagung her bin ich schlank. Ich leb’s nur nicht aus!“ Oder auch: „Es gibt gute Fette, es gibt schlechte Fette. Ich bin eine gute Fette.“

Nachdem eine Gruppe der Stuttgarter Zigeunerinsel die Geschichte des Hutzelmännleins tänzerisch interpretiert hatte, zeigte  Corinna Roesener, ein ehemaliges Tanzmariechen des MVR, ihr Können mit dem Showtanz „Big Bang“. Auf den Tanz der Reutlinger Schandele folgte ein beeindruckender Auftritt des Tanzmariechens Martina Dobler von der Stuttgarter Gesellschaft Möbelwagen.

Mit dem Orden für Frohsinn und Geselligkeit wurde diesmal Klaus Schmidt-Ulm von Neckar-Alb live ausgezeichnet. Für den verhinderten Preisträger nahm Programmleiter Christan Filip die Auszeichnung entgegen. Die Laudatio hatte Petra Roser, letztjährige Preisträgerin und Stadthallenchefin, gehalten.

Ein singendes Prinzenpaar können nur wenige Karnevalsgesellschaften aufweisen. Andrea I. und seine Prinzessin Nadine I. vom Stutengarten rockten die Stadthalle. Während Prinz Andrea vor allem die Besucherinnen mit italienischen und lateinamerikanischen Liebesliedern à la „Despacito“ umschwärmte, setzte seine Prinzessin auf Andrea Bergs „Du hast mich 100 Mal belogen“ – da hätte sich Wommy Wonder sicherlich gefreut.

Toll war der mutige Auftritt der Kinderprinzessin Marie I. vom Stutengarten. Die Achtjährige stimmte gemeinsam mit Nadine I. den Helene Fischer-Hit „Die Hölle morgen früh ist mir egal“ an.

Danach durften dann Friedel Kehrer und Mary Lutz auf die Bühne: Die Bronnweiler Weiber gaben ihre Weisheiten über Männer und Baumärkte („Kindergarten für alte Sempel“), die irgendwann Knospen treibenden Schnurbäume und Politik im Allgemeinen zum Besten: „Von dr Politik muscht Du nix verstehe, Du muscht nur drüber schwätza kenna.“ Anschließend leiteten die Hambrücker Forlebuzzel zum Finale und zur anschließenden Partynacht über.

Fast 15 000 Besucher

Auf den Zunftmeister- und Präsidentenempfang folgte gestern  Nachmittag der große Umzug.  Über 90 Gruppen mit rund 4800 Hästrägern und Guggenmusikern flanierten durch die Innenstadt. Entgegen der Wetterprognosen zeigte sich Petrus den Narren gewogen, sodass knapp 15 000 Besucher Besucher die Straßen säumten (siehe auch Bilderseite).

Die Hästräger, Musiker, Elferräte und Prinzenpaare sparten nicht  mit Bonbons und Gummibärchen für das Publikum, wenngleich es auch mancher Zuschauerin nicht gelang, sich rechtzeitig vor den Hexen in Sicherheit zu bringen. Die Siebenmühlental-Hexen aus Musberg hatten ein Katapult mitgebracht, um Tannenzapfen in die Besucher zu schleudern.

Im Anschluss an den Umzug feierten Narren und Besucher mit zünftiger Guggenmusik auf dem Marktplatz weiter, ehe die närrischen Gäste verabschiedet und die Fahne an Ditzingen als Ausrichter des 38. Landesnarrentreffens weitergereicht wurde.

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