Kinderbuch Nager im Reisefieber

Pfullingen / Von Evelyn Rupprecht 19.08.2018

Sie müssen Stromschnellen überwinden, sich aus Wasserstrudeln befreien und nebenbei noch ein Rehkitz vor einem Fuchs retten. Was Simon und Elise erleben, als sie mit ihrem Onkel Thomas, einem Flößer, auf Reisen gehen, das ähnelt schon eher einem Survival-Camp als einem Familienausflug. Als sie dann noch einen Waschbären-Angriff abwehren müssen, wird die Luft dünn für das Trio, das eigentlich nur fröhlich den Fluss runter schippern wollte. Aber Biber, so scheint es, sind hart im Nehmen. Kaum lässt sich Autor Jürgen H. Riedel ein neues Abenteuer einfallen, stehen vier Generationen Biberichs bereit, um es zu meistern. Das war in den ersten beiden Büchern so, und auch im dritten Band, den der Pfullinger jetzt veröffentlicht hat, erwartet die „Kinder und deren Kindeskinder“, für die der 63-Jährige seine Geschichten schreibt, eine rasante Erlebnistour.

In knalliges Blau eingebunden und in der Edition Delta erschienen, sind die 72 Seiten, auf denen nicht nur Riedels Geschichten den Nachwuchs erwarten, sondern auch Illustrationen des Pfullingers Thomas Dietz, der Simon, Elise, den Onkel und ihre große Fahrt mit viel Liebe zum Detail gezeichnet hat. So erstaunlich die Abenteuer der Biberichs eh schon sind – noch erstaunlicher ist es, dass der Illustrator eigentlich ein Mechaniker ist und der Autor ein Kriminalhauptkommissar a.D. Denn Riedel, ein gebürtiger Zizishausener, war bis zu seiner Pensionierung beim Landeskriminalamt Baden-Württemberg. Spannend genug dürfte seine Berufslaufbahn also gewesen sein. Und doch, sagt er, hat ihn der Wunsch, ein Kinderbuch zu schreiben, schon seit langem verfolgt. Ursprünglich schwebten dem Naturliebhaber Reiher als Protagonisten vor. „Doch die erleben ja eigentlich nicht viel“, musste Riedel schnell erkennen. Und dann, bei einem Ausflug seiner Kirchengemeinde, ist der Funke übergesprungen. „Es war die Initialzündung, als ich im Kloster Violau bei Augsburg einen ausgestopften Biber gesehen habe“, erzählt er. An so einer Nagerdynastie, war Riedel gleich klar, lässt sich das Zusammenleben einer Familie perfekt darstellen. Die bauen was, die schwimmen, die Großen schnarchen und die Kleinen fiepen. So zumindest hat er es wahrgenommen, als er einst im Winter in Anhausen im Lautertal das Tun der Biber nicht gesehen, aber doch gehört hat. Wobei: Leibhaftig vor Augen hatte der Ex-Kripo-Mann auch schon mal einen der Nager. „Es war ein kleines Exemplar in der Zwiefalter Aach“. Ein weitaus größeres Tier ist derweil das, das er sich mit Genehmigung des Regierungspräsidiums Tübingen – dessen Biberbeauftragter Franz Spannenkrebs hat übrigens das Vorwort zu Riedels Buch geschrieben – hat ausstopfen lassen. Mit dem konservierten Nager geht der 63-Jährige seitdem auf Lese-Tour. Im nahen und weiteren Umkreis war er schon in Kindergärten, bei Ferienprogrammen und in Altersheimen, um zu berichten, was sich „Im Land der wilden Biber“ tut. Mit im Gepäck hat der Pfullinger dann „abgefressene Baumschnipsel“ und wichtige Informationen wie die, dass ein Biber bis zu 22 000 Haare auf einem Quadratzentimeter seines Körpers hat. „Die isolieren und sind ein Wärmeschutz“, weiß Riedel, der sein Angebot noch weit über das der „bloßen“ Literatur hinaus ausgebaut hat. Nudeln, T-Shirts, einen Familienkalender, Tassen, Tischsets, Fingerpuppen und Holzanhänger – all das gibt’s passend zu den Büchern. Und die begleitende Musik zu den Geschichten ist auch schon komponiert: Der Reutlinger Veit Erdmann-Abele hat sich der Vertonung angenommen. Dass nach den ersten drei Bänden aus den Jahren 2009, 2014 und 2018 noch ein vierter entstehen könnte, ist indes unwahrscheinlich. „Die Trilogie ist beendet. Das muss reichen“, erklärt der Autor,  der nun an einem Roman schreibt. Wovon er handelt, wird nicht verraten. Biber dürften jedoch nicht zu den Protagonisten gehören.

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