Mittelstadt NACHRUF · Grünen-Mitbegründer Wilfried Hüfler gestorben

Aktivist Wilfried Hüfler ist tot.
Aktivist Wilfried Hüfler ist tot. © Foto: Privat
Mittelstadt / PET 09.06.2015
Ein Aktivist der Umweltbewegung ist tot. Grünen-Mitbegründer Wilfried Hüfler aus Mittelstadt starb am 30. Mai kurz vor seinem 82. Geburtstag.

Bis vor wenigen Jahren mischte der in Mülheim an der Ruhr geborene Wilfried Hüfler noch mit bei der Kernkraftdebatte und bei Stuttgart 21. "Widerstand statt Ruhestand" titulierte der GEA vor fünf Jahren über den Aktivisten, der im Alter seinen Rollator zur Protesthilfe für Plakate umfunktionierte.

Seit den 70er Jahren war Wilfried Hüfler, studierter Philologe und Sprachwissenschaftler, der als Waldorflehrer auch in Reutlingen unterrichtet hat, aktiv. Er organisierte den lokalen Widerstand gegen ein Atomkraftwerk in Mittelstadt, war Mitbegründer der Grünen, seit 2002 beim Netzwerk Attac aktiv und gründete in der Region mehrere Attac-Gruppen.

Dem netten älteren Herren, stets korrekt in Anzug und Krawatte, war der Widerstand gegen die Atomkraft ein besonderes Anliegen. Spätestens, nachdem in Mittelstadt, wo er seit 1965 mit Ehefrau Friedhild wohnte, in den 70er Jahren ein möglicher Standort für ein Atomkraftwerk geplant wurde. 1975 gründete sich dagegen die "Aktionsgemeinschaft Mittelstadt gegen Umweltgefährdung, insbesondere durch die Atomkraft".

"Ich wende mich gegen den Filz, der dem Volk falsche Argumente unterjubelt" - dieses Motto zog sich wie ein roter Faden durch sein politisches Engagement: Hüfler stritt für die Wahrheit. Oder wenigstens für ein Recht auf Wahrhaftigkeit. Als Gewährsmänner für Wahrhaftigkeit hielt er Leute, die an einer Sache nichts verdienen. Und als beste Informationsquelle angesichts der vielen gefärbten Informationen sah er das Internet.

Hüfler ist auf unzähligen Demos mitgelaufen, hat unzählige Flugblätter verteilt, Infostände gemacht, Leserbriefe geschrieben. Dabei sah er sich nicht als Alt-68er, weil er nicht links war. Bescheiden wertete er den Erfolg seines Tuns als "vielleicht ein Tropfen auf den heißen Stein". Dennoch machte er weiter, aus gesellschaftlicher Verantwortung, nicht nur seinen zwei Kindern und drei Enkeln gegenüber, "das wäre egoistisch". Als Pädagoge habe er immer nur das Beste für die jungen Leute gewollt.

Dass er auch streitbar war, bekamen auch Gesinnungsgenossen zu spüren. Bei den Grünen trat er aus, wegen Joschka Fischer und dessen Abweichen als Außenminister vom Grundprinzip der Gewaltfreiheit. Auch bei Attac war er zuletzt zwar aktiv, aber nicht mehr Mitglied, "wegen Stilfragen". Hier wie bei den Grünen störte ihn die Gender-Form "-Innen" - hier werde die Sprache mit der Brechstange bearbeitet. Für den Linguisten war "Sprache das Höchste, was den Menschen charakterisiert".

Im Ruhestand hatte er noch viel vor. Zum Beispiel die Biographie von Hartmut Gründler zu vollenden, an der er seit 2006 arbeitete. Der Lehrer hatte sich 1977 vor der Hamburger Petrikirche selbst angezündet und war fünf Tage später gestorben. Der Sprecher des "Tübinger Arbeitskreis Lebensschutz" hatte gegen die Atompolitik von SPD-Kanzler Helmut Schmidt gekämpft und früh auf das ungelöste Entsorgungsproblem des radioaktiven Abfalls hingewiesen. Für Hüfler war Gründler eine außergewöhnliche Persönlichkeit, "ich bewundere ihn, er war ein brillanter Denker. Die Lüge der Atompolitik wurde nie so deutlich ausgesprochen wie durch diese Selbstverbrennung." Dieses Werk müssen nun andere zu Ende bringen. Gestern wurde Wilfried Hüfler in Mittelstadt zu Grabe getragen.

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