Reutlingen / JAN ZAWADIL Man mag vom einstigen Hype um die Kelly Family halten, was man will. Doch wenn sie Musik machen, kann man nur den Hut ziehen. So wie vor Kathy Kelly, die am Mittwoch in der Jubilate-Kirche auftrat.

Aufgeregt - das war Kathy Kelly diesmal kurz vor ihrem Auftritt. Auf dem Weg nach Reutlingen stand sie im Stau und meinte nach ihrer Ankunft: "Ich bin gestresst."

Solche Aussagen mit dem unverkennbaren englischen Akzent kommen ihr mit einem anschließenden Lächeln über die Lippen. Denn selbst am Mittwoch galt ihre ganze Konzentration trotz millionfach verkaufter Tonträger mit der Kelly Family dem Konzert in der Jubilate-Kirche in Orschel-Hagen - auch wenn hier keine tausende, sondern nur an die 400 Fans dem Auftritt der einstigen Frontfrau der etwas anderen Musikerfamilie entgegenfieberten.

So schwungvoll und begeisternd da auch der Konzertauftakt mit dem beteiligten Gospelchor Joyful Voices war. Letztlich geriet die hörenswerte Performance der Rommelsbacher Sänger zum Beiwerk. Denn nicht nur, dass Kathy Kelly unumstrittener Star des Abends war. Musikalisch scheint auch allen Familienmitgliedern etwas in die Wiege gelegt worden zu sein, an das andere nur schwer oder nie heranreichen werden.

Publikum lässt sich hin- und mitreißen

Mit glasklarer Stimme begeisterte Kelly, die seit zehn Jahren solo unterwegs ist, das Jubilate-Publikum. Stellte die Bandbreite ihres Könnens in den Mittelpunkt des Abends und sorgte einerseits für Gänsehautstimmung, andererseits für beschwingtes Mitklatschen, das nichts mit dröger, verklärter Schlager-Atmosphäre gemein hatte.

Trotz mancher der Seele schmeichelnden Melodie wie "Wholl come with me" geriet das Konzert nie zum gefühlsduseligen Abend. Denn Kelly beherrscht die im Lauf ihrer Karriere erworbene Balance zwischen nachdenklich und freudetrunken wie im Schlaf und schickt ihre Fans dementsprechend auf eine Achterbahnfahrt der Ausgelassenheit bis ins tiefe Tal der Tränen.

Bei derartigem Gefühls-Cha-ChaCha kannte der Jubel am Ende kaum Grenzen. Das Publikum ließ sich gerne hin- und mitreißen und machte keinen Hehl aus seiner guten Laune. Dabei half Kelly ihr großes Repertoire an Instrumenten. Denn der Wechsel vom Akkordeon, zur Gitarre bis zur Geige gelang ihr genauso spielerisch wie der Einsatz ihrer Stimme.

Dass bei allem Können Kellys Augen trotzdem meist auf den Liedtexten vor ihr heften, sei ihr angesichts des gelungenen Abends verziehen. Wer kann sich bei einer derart großen Zahl an Titeln, die im Lauf der eigenen Karriere sowie mit der Family entstanden sind, schon jedes noch so kleine Wort merken?