Pliezhausen Nach der Kirche auf die Straße

Landrat Thomas Reumann und Landesbischof July (von rechts) beim Einwohnerempfang des Landkreises in Pliezhausen. Foto: Kirsten Oechsner
Landrat Thomas Reumann und Landesbischof July (von rechts) beim Einwohnerempfang des Landkreises in Pliezhausen. Foto: Kirsten Oechsner
KIRSTEN OECHSNER 04.10.2012
22 Jahre nach der Wende hat der Landkreis zum zweiten Mal zu einem Einwohnerempfang geladen. Festredner Landesbischof July sprach über den Psalm "Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen".

Der Tag der Deutschen Einheit hat scheinbar an Normalität gewonnen, gerade bei den Jüngeren ist laut Thomas Reumann die Einheit vollendet: "Sie wissen nicht einmal mehr, wo die Grenzlinien verliefen", erklärte der Landrat beim Einwohnerempfang des Landkreises gestern in der Gemeindehalle. Dennoch sei es nach wie vor wichtig, den Ereignissen rund um die friedliche Revolution zu gedenken: "Es handelt sich um ein Datum, das dazu mahnt, für Freiheit und Demokratie einzustehen." Aber man könne nur etwas verändern, wenn man sich einbringe. Demokratie lebe vom Mitmachen.

Die 22 Jahre seit der Öffnung der Mauer seien für ihn wie im Flug vergangen, gestand Festredner Dr. Frank Otfried July: "Das Ereignis hat mich damals tief erschüttert. Ich habe wie viele andere dieses Wunder nicht erwartet", gestand der Landesbischof der Evangelischen Kirche in Württemberg. Für die Menschen in der ehemaligen DDR habe der Psalm 18, Vers 30 "Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen" eine ganz besondere - auch augenzwinkernde - Bedeutung gehabt und sei deshalb auch sehr populär gewesen: Selten einmal habe ein Wort eine solche gesellschaftliche Kraft gehabt in einem Land, in dem selbst das trost- und kraftspendende Losungsbüchlein der Zensur unterlegen sei.

Im Ganzen gesehen hätten die Kirchen bei der friedlichen Revolution eine große Rolle gespielt: "Sie waren ein Resonanzboden für die Sorgen, Unzufriedenheit und Depressionen der Menschen", machte July deutlich. Und sie hätten dafür gesorgt, dass gewaltfreie Besonnenheit in die Proteste Einzug halten konnte: "Zuerst ging man in die Kirche und dann auf die Straße." Dem vorausgegangen seien jahrelange karge und mühsame Friedensgebete meistens im Kreis von wenigen Menschen: Der Funke sei nie erloschen und wurde zu einem Feuer. "So stelle ich mir Kirche vor." Dieses Verständnis und diese Weitsicht forderte er mit Blick auf Europa ein: Die Kirchen sollen helfen, die Mauern in Europa einzureißen und sich als großes Netzwerk verstehen, um sich für Würde, soziale Gerechtigkeit und Integration einzusetzen. In diesem Zusammenhang könne das wunderbare Wort "Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen" nicht nur rückwärtsgewandt betrachtet werden, sondern in die europäische Zukunft gerichtet. Ein Gedanke, den Landrat Thomas Reumann mit ihm teilte: "Vor 22 Jahren haben viele Menschen ihr Schicksal beherzt in die Hand genommen." Nun sei es an der Zeit, gemeinsam Verantwortung für Frieden, Freiheit und Wohlstand in Europa zu übernehmen.