Metzingen Musik und Literatur im Bindhof

Metzingen / SUSANNE ECKSTEIN 11.07.2016
In einer musikalisch-literarischen Soiree erinnerten Bozena Zo?ynska und Aleksandra Mikulska ans Schicksal des polnischen Pianisten W?adislaw Szpilman.

„Das wunderbare Überleben des Pianisten und Komponisten W?adislaw Szpilman“ verdankt sich letztlich dem Mut des deutschen Besatzungsoffiziers Wilm Hosenfeld, der kurz vor Kriegsende 1944 in Warschau den Pianisten W?adislaw Szpilman nicht preisgab, sondern rettete.

Diese Geschichte holte der Veranstaltungsring Metzingen (VRM) als Musik-Lesung in den Bindhof; Bozena Zo?ynska und die Pianistin Aleksandra Mikulska gastieren mit diesem Programm seit mehreren Jahren in ganz Deutschland.

Bozena Zo?ynskas macht in ihrer Lesung aus Szpilmans Erinnerungen Vergessenes lebendig: Das Buch („Tod einer Stadt“) durfte in Polen 1946 nicht erscheinen; die deutsche Übersetzung erschien erst 1998 als „Das wunderbare Überleben“, der Film „Der Pianist“ 2002. Ergänzt wurden die Auszüge aus Szpilmans Buch durch Zitate aus den Tagebüchern von Wilm Hosenfeld, musikalisch umrahmt vorwiegend durch Klavierwerke von Frédéric Chopin.

Im Grunde hat Chopin – abgesehen von der Herkunft – nur indirekt mit W?adislaw Szpilman zu tun: Zufällig spielte dieser Chopins Nocturne cis-Moll (op. post) im Radio bei der Bombardierung Warschaus, bevor der Strom ausfiel; nach Kriegsende markierte der Sender damit den Neuanfang.

Die Lesung von Bozena Zo?ynska regte zum Nachdenken an; sie las lebendig, klar und sachlich in sehr gutem Deutsch. Das Publikum folgte ihr gebannt und nahm manche Länge gerne in Kauf, ebenso die beklemmenden Schilderungen von Not und Elend und vom Überlebenswillen des Protagonisten, der sich weigert, die Stadt zu verlassen.

Eigentlich wurde er zweimal gerettet: das erste Mal durch einen Fremden, der ihn als den Pianisten W?adislaw Szpilman erkennt und ihm bei der Deportation zur Flucht verhilft, das zweite Mal durch den „Feind“ Wilm Hosenfeld, als der ihn in einer verlassenen Wohnung überrascht und ans Klavier befiehlt.

Dramatik und Heroismus spiegeln sich im Spiel von Aleksandra Mikulska. Sie beginnt mit Chopins Nocturne cis-Moll, das – 1827 entstanden – hier viel Gewicht erhält, nicht als Träumerei, sondern als pathetischer Appell. Liegt das am kraftvollen Zugriff oder an der Verknüpfung mit den späteren Geschehnissen? Auch die weiteren Musikbeiträge beeindrucken durch Sicherheit, Energie und Klangstärke. Neben berühmten Chopin-Stücken (etwa dem Fantaisie-Impromptu cis-Moll) bot sie als interessantesten Teil der Musikbeiträge zwei Klavierwerke von W?adislaw Szpilman selbst: eine Mazurka von 1942 – also aus eben jenen Jahren der Angst –, der man in ihren Chopin-Anklängen die Schrecken der Zeit nicht anhört, sowie Teile aus den „Three Little Folk Song Suites“ aus den 1950er Jahren, naiv und scherzhaft, harmonisch raffiniert gesetzt und souverän dargeboten.

Warum in Polen W?adislaw Szpilmans Lieder immer noch gesungen werden, konnte man aus dem (einzigen) Liedvortrag erahnen. Bei „Cicha noc“ wurde die Rezitatorin zur Sängerin; schön, dass sie den Text zuvor übersetzte! Er lautet so: „Es fließt die Nacht, die Hand der Stille legt die Winde schlafen“.

Die Textteile wurden gerundet durch Tagebuchnotizen des Wehrmachtsoffiziers Wilm Hosenfeld. „Das größte Ideal ist die Menschenliebe“ – das wäre ein angemessener Ausklang gewesen. Doch danach stand noch Chopins groß dimensioniertes „Andante spianato & Grande Polonaise brillante“ auf dem Programm – lange nach 22 Uhr und bei schwüler Hitze ein Kraftakt für Pianistin und Publikum.