Reutlingen Motivation ist hier der Schlüssel

BVE in der Lehrbackstube: Sonja (links) und Tamara (Mitte) schneiden unter Anleitung von Fachlehrer Hasan Decker (Arbeitsmantel) und Klassenlehrer Peter Knaus in der Kerschensteinerschule ganz professionell Berge von Fasnetsküchle. Foto: Peter U. Bussmann
BVE in der Lehrbackstube: Sonja (links) und Tamara (Mitte) schneiden unter Anleitung von Fachlehrer Hasan Decker (Arbeitsmantel) und Klassenlehrer Peter Knaus in der Kerschensteinerschule ganz professionell Berge von Fasnetsküchle. Foto: Peter U. Bussmann
Reutlingen / PETER U. BUSSMANN 13.03.2014
Im zweiten Jahr bereits führt die Berufsvorbereitende Einrichtung (BVE) an der Kerschensteinerschule ein knappes Dutzend junge Menschen mit Handikap individuell und sehr praxisbezogen an das Berufsleben heran.

Änderung im Stundenplan aus gegebenem Anlass: Anstatt wie vorgesehen Croissants zu backen, folgt Backstubenleiter Hasan Decker dem Wunsch seiner "Kunden" und legt an diesem närrischen Freitagvormittag Fasnetsküchle auf. Seine Schüler sind wie immer mit Eifer dabei, wellen den Teig gleichmäßig aus und stechen die Teilchen exakt mit dem Lineal ab. Hunderte kleiner Rechtecke warten auf großen Holzplatten dann darauf, in die Friteuse zu wandern - ausnahmsweise, sagt der Technische Lehrer, weil frittieren stinkt.

Und weil es wegen des heißen Öls auch gefährlich ist. Denn das knappe Dutzend Schülerinnen und Schüler, die mit Decker und ihrem Klassenlehrer Peter Knaus die Lehrbackstube der Kerschensteinerschule bevölkern, sind keine gewöhnlichen Bäcker-Azubis. Die Schülerinnen und Schüler besuchen die erste Berufsvorbereitende Einrichtung (BVE) im Landkreis Reutlingen und haben besonderen Unterstützungsbedarf. Sie haben bisher zumeist die Reutlinger Peter-Rosegger-Schule für geistig Behinderte besucht oder die Uhlandschule in Pfullingen, die Gutenbergschule in Orschel-Hagen oder die Bodelschwingh-Schule in Reutlingen, allesamt Förderschulen. Jetzt sind sie schon im zweiten Jahr stolze Schüler der Kerschensteinerschule, mit eigenem Klassenzimmer zwischen der Meister- und der Lehrlingsklasse. Hier haben die jungen Leute mit Handikap ihren Platz unter Gleichaltrigen gefunden, nutzen alle Möglichkeiten des Hauses wie die Mensa oder die Werkstätten.

Für Schulleiter Hans-Joachim Stark ist diese räumliche Einbindung wichtig, "die Stigmatisierung ist weg, das wertet die Schüler auf". Von keiner Schülergruppe werde er so herzlich gegrüßt, verrät er. Und sein Schulleiter-Kollege Joachim Kalk von der Peter-Rosegger-Schule weiß, dass "dies ein Stück Inklusion ist, das wir hier schaffen". Zusätzlich verfügt die Peter-Rosegger-Schule noch über eine Berufsschulstufe an der Matthäus-Beger-Schule, eine zweite BVE ist an der Münsinger Beruflichen Schule in Kooperation mit der Georg-Haldenwang-Schule angesiedelt.

Für die Technischen Lehrer ist das BVE eine Herausforderung, doch für Stark ist es "bemerkenswert, wie sich die darauf einstellten - das ist ein ganz anderes Miteinander-umgehen". Sie werden wohl auch die vom Regierungspräsidium angebotene sonderpädagogische Zusatzqualifikation absolvieren.

Basis der BVE ist eine Kooperationsvereinbarung mit zahlreichen Partnern. Neben den Gremien der Schulträger wirken hier der Integrationsfachdienst Neckar-Alb beim Kommunalverband für Jugend und Soziales (KVJS) und die Arbeitsagentur mit. Aller Ziel ist es, durch lebenspraktischen Unterricht und zahlreiche Praktika junge Menschen intensiv auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten.

Die zweijährige BVE arbeitet mit modularen Lehrplänen sehr praxisorientiert in den Bereichen Backen, Bauen/Mauern/Zimmern und Körperpflege/Friseur. Bearbeitet werden mit dem Ziel des Übergangs in die Erwachsenenwelt die Themen Arbeit, Freizeit und Wohnen. "Wir vermitteln eine Grundqualifizierung mit Fachunterricht, Theorie und Praktika, um das Berufsfeld, die Nische zu finden, die passt", sagt Stark. "Eine Lehre werden sie nicht schaffen", schätzt er die Chancen seiner Schützlinge, das Ziel sei "das Arbeitsleben, etwa als Hilfskraft in einer Bäckerei".

Dazu braucht es aber besonders motivierte Kandidaten. Nur mit Basisfähigkeiten wie Sozialverhalten, Pünktlichkeit, Eigeninitiative und Durchhaltevermögen bekommen sie in der Berufswegekonferenz, die über die Aufnahme in die BVE entscheidet, eine Chance. Nach den zwei Jahren werden nicht vermittelte BVEler in betreuten Anschlussmaßnahmen der Arbeitsagentur wechselweise in Betrieben und in der Berufsschule untergebracht.