Für gerade mal 80 Euro pro Person wird das ganze Jahr über unser Abwasser entsorgt, abgeholt direkt an der Haustüre. 365 Tage im Jahr muss die Abwasserreinigung funktionieren, für jeden Bürger ist dies eine Selbstverständlichkeit. Phosphor, Stickstoff und Kohlenstoff sind die Hauptbestandteile, die aus dem Abwasser gefiltert werden. Bei Starkregen erwarten wir, dass alles innerhalb kürzester Zeit abfließt. 600 Kilometer Kanalnetz betreut die SER. Dass hinter alldem eine hochtechnisierte und kostenintensive Infrastruktur steckt, die von zahlreichen Fachleuten am Laufen und die Umwelt dadurch sauber  gehalten wird, ist den wenigsten bewusst. Derzeit investiert die Stadt 26 Millionen Euro in die Modernisierung der Schlammentwässerung und die Erneuerung des Energienetzes im Hauptklärwerk West zwischen Betzingen und Wannweil. Hinzu kommen acht Millionen Euro für ein neues Betriebs- und Sozialgebäude.

Über 40 Jahre alt

Teilweise über 40 Jahre alt sind die Anlagen im Klärwerk West, wie Anton Schmuker, Abteilungsleiter Abwassertechnik bei der Stadtentwässerung Reutlingen, erklärt. In den letzten Jahrzehnten ist Reutlingen größer geworden, die Haushalte haben um ein Vielfaches zugenommen. Zudem werden die Auflagen für die Abwasserreinigung immer strenger.

Seit gut zwei Jahren wird im  Klärwerk saniert und modernisiert. „Und das bei laufendem Betrieb“, sagt Anton Schmuker. „Das ist nicht ohne.“ Und auch Betriebsleiter Klaus Baumann betont: „Eine solche Sanierung bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung des gesamten Betriebes ist nicht einfach.“ Denn das bedeutet, dass hochtechnisierte Provisorien errichtet werden müssen, die die Arbeit zu sanierender Anlagen übernehmen.

Neue Technik

Neben der Sanierung werden neue Maschinen und Verfahrenstechniken eingesetzt, die einen wirtschaftlichen Betrieb gewährleisten, zum Beispiel eine Gaseinpressung zur Faulturmumwälzung, ein Dekanter zur Schlammentwässerung, eine Wärmerückgewinnung. In diesem Sommer sind die Arbeiten ein gutes Stück vorangekommen. So laufen jetzt zum Beispiel die drei neuen Blockheizkraftwerke mit Faulgas, das neue 21 Tonnen schwere Klärschlammsilo wurde aufgestellt und soll Ende des Jahres in Betrieb gehen, ein sanierte Faulturm ging wieder in Betrieb, die neue Energiezentrale ist fertig. Im Herbst soll das neue zentrale Ersatzteillager mit Werkstatt bezogen werden. Und parallel läuft noch der Neubau des Sozial- und Betriebsgebäudes samt Fahrzeughalle. Im Dezember 2020 wird der Neubau bezugsfertig sein, der nicht nur Platz für die derzeit 14 Arbeiter des Klärwerks bietet, sondern auch die Kanaltruppe beheimaten wird. Immerhin ist die SER neben der klassischen Abwasserentsorgung für 38 Regenüberlaufbecken und 20 Pumpwerke zuständig.

Auf der Baustelle scheint es Schlag auf Schlag zu gehen. Und doch: Die Arbeiten sind sechs Monate im Verzug. Ab Herbst wird der zweite Faulturm saniert, im kommenden Jahr wird die derzeit provisorische Schlammentwässerung wieder rückgebaut, das alte Schlammsilo wird abgebrochen, ebenso werden zwei stillgelegte Faultürme und das dazugehörige alte Gebäude rückgebaut. Im Herbst 2020 soll dann mit dem dritten Bauabschnitt und dem Neubau der Gebläsestation begonnen werden.

Vierte Reinigungsstufe kommt

Wahrscheinlich ist es nicht die letzte Investition bei der SER. Denn dass eine vierte Reinigungsstufe kommen wird, das steht für Anton Schmuker außer Frage. „Ich gehe davon aus, dass das in den nächsten zehn Jahren Vorschrift wird.“ Dann wird es darum gehen, die sogenannten Mikroschadstoffe, also Arzneimittel oder Bestandteile von Körperpflegemitteln, auszufiltern. „Die Kläranlage ist eben eine ständige Baustelle.“

Daten und Fakten zum Klärwerk West


14 Mitarbeiter, darunter Abwassermeister, chemisches Fachpersonal, Fachkräfte für Abwassertechnik, Elektrofachkräfte, Industriemechaniker; mechanisch-biologische Kläranlage mit Nitrifikation, Denitrifikation und Phosphorelimination (Nährstoffentnahme), anaerobe Schlammfaulung und maschinelle Schlammentwässerung; Ausbaugröße: für maximal 140 000 Einwohner ausgelegt, derzeitige Auslastung 125 000 Einwohner; Einzugsgebiet: Kernstadt und die Ortsteile Ohmenhausen, Betzingen, einschließlich des Gewerbegebietes Mark-West; Schmutzwassermenge: 35 000 Kubikmeter pro Tag.