„Wir haben in den letzten drei Wochen versucht, durch Testen und gezieltes Öffnen die Pandemie auf einem anderen Weg unter Kontrolle zu bringen als durch den klassischen Lockdown. Viele von Ihnen haben dabei mitgemacht, Hunderte haben täglich daran gearbeitet, Zehntausende ließen sich testen, fast alle waren engagiert und diszipliniert. Wir waren wirklich gut, aber leider nicht gut genug“, erklären Palmer und Federle.

„Ziel war immer, unter 50 zu bleiben“

„Die britische Variante ist so ansteckend, dass die messbare Inzidenz in Tübingen trotz aller Anstrengungen von unter 30 auf über 110 anstieg. Das ist zwar immer noch unter dem Landesschnitt, aber unser Ziel war es, unter 50 zu bleiben und die Pandemie mindestens so gut zu beherrschen wie durch einen Lockdown. Dafür hat es leider nicht gereicht.
Über Ostern war die Frage zu entscheiden: Machen wir weiter oder hören wir auf? Die Stimmen, die den Abbruch des ganzen Projektes und die Rückkehr zur Notbremse forderten, waren deutlich zu hören. Nun, da die Außengastronomie nicht mehr Teil des Modellprojektes ist und wieder schließen muss, sind viele andere frustriert und beklagen sich über diesen Verlust. Allen Bedürfnissen entsprechen kann man in dieser Lage nicht.

Verändertes Konzept

Wir haben mit dem Land ein verändertes Konzept erarbeitet, das an der Grundidee festhält, den Lockdown durch intensives Testen unnötig zu machen, aber an vielen Punkten versucht, die Ausbreitung des Virus noch stärker einzuschränken. Die Zahl der Kontakte in der Stadt wird zurückgehen, weil Auswärtige kein Tagesticket mehr erhalten können und die Außengastronomie nicht mehr zum Verweilen in der Stadt einlädt. Die täglich durchgeführten Tests werden nochmals deutlich mehr, weil neue Testpflichten in Einzelhandel, Betrieben, Schulen und Kitas hinzukommen. Auch das wird wieder auf Kritik stoßen. Die Alternative ist aber immer die Schließung: Der Brücken-Lockdown, von dem jetzt die Rede ist, würde auch bedeuten, dass Einzelhandel und Kultur wieder schließen müssen und in Schulen und Kitas nur noch Notbetreuung angeboten wird. Wir wollen versuchen, das durch Testungen zu vermeiden.

Einwände sind nachvollziehbar

Viele Einwände gegen unser Vorgehen sind nachvollziehbar und verständlich. Die Außengastronomie an sich ist mit hoher Wahrscheinlichkeit kein Infektionsrisiko und sicherer als die private Party zu Hause. Aber nur in Tübingen die Gastronomie offen zu halten, während der Großteil von Baden-Württemberg in der Notbremse alles schließt, das konnte das Land nicht gewähren. Und die Gefahr war einfach zu groß, dass bei schönem Wetter wieder viele Auswärtige zu uns strömen, um das Tübinger Flair zu genießen, auch wenn sie gar kein Tagesticket mehr erhalten können.
Kleine Kinder zu testen, ist umstritten und braucht mehr Einfühlungsvermögen als bei Abiturienten. Eltern sollten die Tests deshalb am besten selbst durchführen. Richtig angewandt ist ein Nasentest nicht schmerzhaft, sondern allenfalls kitzelnd. Und wenn die Kitas für alle offen bleiben, die bereit sind, ihre Kinder zu testen, so haben Eltern jedenfalls eine Wahl. Wenn die Kitas wieder schließen, müssen alle Kinder zu Hause bleiben, deren Eltern keinen Anspruch auf Notbetreuung haben.
Das Land hat die Osterferien nur um eine Woche verlängert, weil die Zeit zur Vorbereitung der Testpflicht in den Schulen dienen soll. Wir haben diese Hausaufgaben längst erledigt und können daher alle Kinder in den Schulen auch im Rahmen der Ferien- und Notbetreuung testen.
Einzelhandelsbetriebe, die weit weg von den Teststationen im Außenbereich oder in den Stadtteilen liegen, können die neue Testpflicht im gesamten Stadtgebiet nicht so leicht erfüllen wie im Stadtzentrum in der Nähe der neun Teststationen. Doch viele Apotheken und die dm-Märkte in den Stadtteilen bieten ebenfalls Schnelltests mit Nachweis an. Und von der Testpflicht sind nur die Betriebe erfasst, die jenseits der Stadtgrenze wegen der Notbremse komplett schließen müssen. Lebensmitteleinzelhandel, Baumärkte und Gartenbaubetriebe bleiben ohne Testpflicht offen.

Auch Betriebe müssen mehr testen

Betriebe mit mehr als 50 Beschäftigten müssen nun sicherstellen, dass die Beschäftigten, die nicht im Homeoffice arbeiten, regelmäßig getestet werden. Homeoffice auszuweiten, ist in jedem Fall richtig. Wo dies nicht möglich ist, brauchen wir Tests, um das Virus zu entdecken, bevor es sich ausbreitet. Der Landkreis Schwäbisch Hall war mit uns einer der ersten, deren Inzidenz unter 50 fiel. Nach einem großen Ausbruch bei einem Betrieb ist die Inzidenz immer noch bei 300, und das nach vier Wochen hartem Lockdown mit Ausgangssperre. Das zu vermeiden, ist auch im Interesse der Betriebe.
Wir sehen, dass die veränderten Bedingungen unseres Modellversuchs viel herausfordernder sind, als die ersten beiden Wochen es waren. Wir wissen aber auch, dass das für die meisten Menschen im Land gilt, weil in ihren Kreisen die Notbremse greift, und das gilt sogar für unsere Nachbarn im Landkreis. Deshalb glauben wir, dass es sich lohnt, den Versuch nicht aufzugeben und gegen den Lockdown und das Virus anzutesten, soviel wir nur können.Und dank der Testpflicht im Modellversuch bleiben uns viele Möglichkeiten offen, die andernorts wieder verschlossen sind: Wir können in die Kunsthalle, in die Stadtbibliothek oder ins Theater gehen. Wir können den gut sortierten Einzelhandel in der ganzen Stadt besuchen und sicher sein, dass alle Menschen dort getestet sind. Wir können körpernahe Dienstleistungen nutzen. Wir können vielen Betrieben und unserer Innenstadt eine Zukunft geben.

Mai zum Wonnemonat machen

Helfen Sie dabei mit? Gemeinsam können wir es schaffen, die Zahlen wieder zu drücken. Wir glauben, dass wir mit dem, was wir bereits über das verpflichtende Testen gelernt haben, die dritte Welle ohne Lockdown brechen können. Wenn wir den Tübinger Weg gemeinsam weitergehen, haben wir alles vorbereitet, um schon in wenigen Wochen auch die Außengastronomie mit Schnelltests wieder zu eröffnen und den Mai zu einem Wonnemonat zu machen.“ swp