Am 27. Februar steht Reutlingen wieder im Fokus des Interesses, wenn beim Bundesverwaltungsgericht in Leipzig die Revision des Landes Baden-Württemberg gegen das Mannheimer Urteil vom April 2019 verhandelt wird. Allerdings geht es dann gar nicht darum, was die Stadt in den vergangenen Monaten alles umgesetzt hat, um die viel beschworene Verkehrswende zu schaffen. Es wird darüber entschieden, ob das Mannheimer Urteil, wonach Diesel-Fahrverbote in der Stadt umgesetzt werden sollen, korrekt war oder nicht. Und dennoch: Erste Bürgermeisterin Ulrike Hotz zeigt sich zuversichtlich, dass, wie immer die Leipziger Richter auch entscheiden mögen, die Stadt gewappnet ist und ohnehin noch in diesem Jahr den Jahresmittelwert des Stickoxid-Ausstoßes auf den gesetzlichen Grenzwert von 40 Mikrogramm erreichen wird. Der Jahresmittelwert für 2019 lag noch bei 46 Mikrogramm, zwei Jahre zuvor waren es sogar 60 Mikrogramm. Die Luftqualität scheint sich also, glaubt man den Messungen, zu verbessern. „Die Verkehrswende greift schon.“

Nachts und an Wochenenden

Konkret geht es darum, ein Diesel-Fahrverbot in der Stadt zu vermeiden, das, wenn die Werte nicht sinken, droht. Dass die Luftmessstation ausgerechnet auf dem ungünstigsten Quadratmeter Fläche in ganz Reutlingen, direkt an der Lederstraße, positioniert ist, darüber wurde in der Vergangenheit schon oft debattiert. Fakt bleibt: Die Schadstoffwerte in der Lederstraße, und zwar genau auf dem Abschnitt zwischen Alter Feuerwache und Parkhaus, müssen runter.

Seit wenigen Tagen ist deshalb nachts zwischen 20 Uhr und 6 Uhr die rechte Spur der zweispurigen Lederstraße stadtauswärts zwischen Kreuzung Alteburgstraße und Parkhaus gesperrt. Die Schilderbrücken weisen darauf hin, wer trotzdem durchfährt muss mit empfindlichen Strafen ab 80 Euro und einem Punkt in Flensburg rechnen. Samstags und sonntags bleibt die Spur auch tagsüber gesperrt. Zudem sollen die Nachtzeiten in den Abend hinein ausgeweitet werden. Eine temporäre Fahrspurreduzierung, angelehnt an die im Luftreinhalteplan vorgeschriebene Umweltspur. „Ziel ist es, die Spurreduzierung so weit wie möglich auszudehnen“, erläutert Patrick Heintel von der Stadt. Die Hauptverkehrszeiten wolle man nicht tangieren, allerdings mit der Sperrung so nah wie möglich an diese Hauptverkehrszeiten heranrücken.

Der Fußgängerüberweg über die Lederstraße, direkt beim Matthäus-Alber-Haus wird gesperrt, sodass Autos nicht halten und wieder anfahren, was wiederum die Luft belastet. Dass dagegen nun protestiert werde, versteht Hotz nicht. All diese Maßnahmen seien mehrheitlicher Konsens im Gemeinderat gewesen und Teil der Fahrspurreduzierung in der Lederstraße. Dies habe man im Juli 2019 beschlossen.

Neue Lärmschutzwand

Diese Woche begann der Abriss der alten Lärmschutzwand gleich neben der Luftmessstation. Die Wand wird neu gebaut, begrünt und nach hinten versetzt, um eine bessere Luftzirkulation zu ermöglichen. Die Kosten belaufen sich auf 350 000 Euro, im April soll alles fertig sein. Der dortige historische Brunnen bleibt erhalten. Bereits im vergangenen Frühjahr wurde ein photokatalytischer Fassadenanstrich an drei Gebäuden in der Lederstraße angebracht.

Ab kommender Woche wird das Lkw-Durchfahrtsverbot, das seit zwei Jahren existiert, noch stärker kontrolliert, wie Ordnungsamtsleiter Albert Keppler erläutert. Bislang hat die Polizei sporadisch kontrolliert, was allerdings personell sehr aufwendig war. Jetzt hat die Stadt eine teilstationäre Anlage zur Erfassung von Fahrzeugen aufgestellt, die die Einfahrt von Lastwagen ins Stadtgebiet registriert, ebenso wie deren Ausfahrt. Die Zeit, die dazwischen liegt, lässt Aufschlüsse darüber zu, ob der Lkw nur durchgefahren ist, oder ob er eine andere Firma zum Beladen angefahren hat. Eine solche Erfassung ist seit gut einem Jahr gesetzlich erlaubt. Die Anlage wird an typischen Strecken, wie zum Beispiel zwischen Hohbuchknoten und Dreispitz, aufgestellt. Allerdings nicht dauerhaft. Laut Keppler darf die Anlage per Gesetz nur vorübergehend, also ein bis zwei Tage, am selben Ort stehen.

„Unser oberstes Ziel ist es, Verkehr zu vermeiden“, umreißt  Hotz die Strategie der Stadt. Ein- und Auspendler will man langfristig auf die zukünftige Regionalstadtbahn umlenken, das Stadtbuskonzept ist ein weiterer wichtiger Baustein. Der Masterplan Radverkehr soll ein Radwegnetz für die Innenstadt erarbeiten.

Es sei klar, dass all diese Maßnahmen nicht sofort greifen, weshalb die Stadt auch auf Verkehrslenkung setze, sagt Hotz. Es sei nicht auszuschließen, dass noch mehr Maßnahmen umgesetzt werden.