Reutlingen / PETER U. BUSSMANN  Uhr
Beim Auftakt der Porträtreihe der Inklusionskampagne "duichwir - alle inklusive" stellte sich mit Helga Jansons ein Medien-Profi vor: die 54-Jährige ist in zahlreichen Gremien der Behindertenarbeit aktiv und offensiv.

Das halbe Dutzend Pressevertreter beeindruckt die Frau im Rollstuhl nicht sonderlich. Unbefangen erzählt sie drauflos, lacht, auch über sich selbst, und rät den Journalisten, sie durch Fragen zu bremsen, "sonst erzähle ich von mir aus zu viel". "Sie sind ein Mensch mit Courage und nicht auf den Mund gefallen", attestiert ihr auch Stephan Josenhans, als Leiter des Hauses der sozialen Dienste der KBF, Helga Jansons Chef: Wegen der beeindruckenden Energie bei der Verfolgung ihrer Ziele habe es die 54-Jährige verdient, ins Rampenlicht gerückt zu werden.

Dabei ist sie durch ihr vielfältiges Engagement bereits ein rechter "Medien-Profi". "Mitbestimmung ist mir wichtig", bekräftigt die Verwaltungsangestellte, "man muss den Dingen immer wieder einen Schubs geben." Im Bereich der Inklusion behinderter Menschen ist die gebürtige Freiburgerin eine der größten Schubserinnen und sehr aktiv unterwegs. Sie gehört der Behindertenliga im Landkreis Reutlingen an, sitzt im Vorstand des Körperbehinderten-Vereins KBV (Verein für Körper- und Mehrfachbehinderte e.V. Reutlingen), arbeitet am Runden Tisch ÖPNV der Stadt Reutlingen mit, ist aktiv bei den Reutlinger Computeroldies und im Club der Behinderten und ihrer Freunde Tübingen. Selbstverständlich bringt sie ihre Erfahrung und Vorstellungen auch im Beirat Selbsthilfe der Inklusionskonferenz im Kreis Reutlingen ein, ist eine der Sprecherinnen. "Wir sprechen für die, die keine Stimme haben", sagt sie selbstbewusst. Dafür "muss ich mir net überlegen, warum ich morgens aufsteh'", kommentiert sie diesen Aktionismus und lächelt dabei knitz.

Helga Jansons kommt dabei zupass, dass sie seit über 20 Jahren im Haus der sozialen Dienste arbeitet und damit quasi an der Quelle für Unterstützungs- und Fördermöglichkeiten sitzt. "Wir sind hier supergut ausgestattet", schwärmt sie angesichts der Möglichkeiten in der KBF. Einen Teil ihres Ehrenamts in den Gremien kann sie dabei sogar während der Arbeitszeit ausüben.

So lange sie denken kann, hat sie sich eingemischt. Und "ich bin immer zu allen Wahlen gegangen", erzählt sie stolz. Mitbestimmen ist ihr wichtig, deshalb unterschreibt sie auch bei Petitionen oder stimmt im Internet für oder gegen etwas. Beispielsweise gegen den Rückbau der Barrierefreiheit am Bahnhof Oberkochen, die so verhindert werden konnte. "Man braucht einen langen Atem in der Gremienarbeit", weiß Jansons aus Erfahrung. So habe es zwei Jahrzehnte gebraucht, bis endlich der Reutlinger Hauptbahnhof dank der Aufzüge barrierefrei war.

Doch perfekt ist anders. Nicht nur, dass leider gelegentlich der Aufzug streikt und die Rollifahrer auf fremde Hilfe angewiesen sind. Auch die Einstiegshilfe durch das DRK wurde gestrichen, hier müssen Zugbegleiter die fahrzeuggebundenen Rampen betätigen, damit der Rollifahrer letztlich den Zug entern kann - oder auch nicht, wie Jansons zu berichten weiß.

Solche Ungereimtheiten und Unzulänglichkeiten, die Behinderten das Leben schwer machen, kommen am 5. Mai aufs Tapet beim europaweiten Protest- und Gleichstellungstag für Behinderte, sagt Jansons: "Da werden wir wieder einen Strauß von Themen präsentieren!"

Häufig spielt dabei die Mobilität eine Rolle. Helga Jansons geht sogar so weit und sagt: "Mitbestimmung ist ohne Mobilität nicht möglich." "Wer sich in Gremien wählen lässt, muss nämlich schauen, wie er da hinkommt", sagt Jansons. Dazu braucht es Fahrdienste und Freiwillige vom Freiwilligen Sozialen Jahr und vom Bundesfreiwilligendienst. Und nicht immer - wie etwa bei der Inklusionskonferenz oder bei der Behindertenliga - werden die Transportkosten auch übernommen.

Zwar können Behinderte mit entsprechendem Ausweis samt Begleitperson mittlerweile kostenlos Zugfahren, doch andere Fahrten sind meist ein Problem. Wenn das normale Taxi nicht - wie in Jansons Fall - genutzt werden kann, muss ein teures Sonderfahrzeug für den Rollitransport bestellt werden. Freifahrten werden vom Kostenträger restriktiv gehandhabt, erzählt Jansons: Alleinwohnende bekommen von der Eingliederungshilfe des Kreises oder der Stadt nur vier kostenlose Fahrten im Monat. Und selbst bei den Fahrten von und zur Arbeitstätte bleibt eine Selbstbeteiligung von rund 200 Euro im Monat.

Die Mobilität ist dabei nur eines von vielen Feldern voller Kostenfallen und Hindernissen, weiß Jansons. Helfen können hier nur Information und Beratung. Und Hartnäckigkeit der Betroffenen, um den Inklusionsprozess in jedem Einzelfall auch nachhaltig zu gestalten.

"Inklusion ist dann verwirklicht, wenn man nicht mehr darüber spricht", greift Jansons zum Zitat, "doch das braucht noch ein paar Generationen." Auch die neuen Wege der Eigenständigkeit zum Beispiel mit persönlichem Budget müssen erst gelernt werden nach Jahrzehnten der Behindertenversorgung. Ihr Traum ist eine Gesellschaft, in der Integration und Inklusion selbstverständlich sind: "Ich hätte gerne die totale Vermischung, bei der zum Beispiel ein Behinderter Nachhilfeunterricht in Sprachen gibt!"

Inklusionskonferenz

Mit dem Modellprojekt Inklusionskonferenz möchte der Landkreis Reutlingen zusammen mit seinen kreisangehörigen Städten und Gemeinden sowie allen anderen relevanten Akteuren weiter auf dem Weg voranschreiten, die Ziele der UN-Behindertenrechts-Konvention auf kommunaler Ebene umzusetzen. Um Menschen mit Handicap, Angehörige und Selbsthilfegruppen als Experten aus eigener Erfahrung von Beginn an am Modellprojekt zu beteiligen, wurde neben der Inklusionskonferenz der Beirat "Selbsthilfe" eingerichtet.

SWP