Reutlingen / JÜRGEN HERDIN  Uhr
Mit gleich zwei Bands, einer augenzwinkernden Weihnachtsgeschichte und Braten mit Klößen und Blaukraut feierten zumeist obdachlose Menschen an Heiligabend mit der Arbeiterwohlfahrt im "Nepomuk".

"Wegen Überfüllung geschlossen" mussten die Veranstalter schon zur Mittagszeit am Eingang verkünden. Doch irgendwie kam jeder Mann und jede Frau samt den Kindern dann doch noch zu seinem Essen. Und erneut hatten hilfreiche Sponsoren und Spender wieder für Geschenke gesorgt.

Wie überhaupt: "Wir alle haben die unterschiedlichsten Fähigkeiten und Gaben", die man dem Nächsten zukommen lassen könne, sagte die Geschäftsführerin der AWO, Gisela Steinhilber, mit einem Blick in die Runde. Sie setzt ebenso wie Pfarrer Dr. Jürgen Quack auf das Kommunikative, ein gedeihliches Miteinander samt Gedankenaustausch bei diesem so etwas anderen Fest in Reutlingen.

Die Zahl der Wohnungslosen ist 2014 erneut gestiegen. Bis Mitte Dezember wurden 818 Menschen von der AWO-Wohnungslosenhilfe beraten. Darunter sind 26,5 Prozent Frauen. Die Einrichtungen der AWO sind voll belegt. Zum Vergleich: 2013 waren es noch 765 Menschen ohne dauerhafte Bleibe.

Gisela Steinhilber dankte den rund zwei Dutzend Helfern, die diese Aktion zum Fest tatkräftig unterstützen - und auch Sarah Breitner und Nicolai Gatke, die ihr Nepomuk nun schon zum fünften Mal in Folge kostenlos zur Verfügung stellen. Samt der Küche - versteht sich. Und dort herrschte ein großes, jedoch gut organisiertes Gewusel.

Das gut gewürzte Blaukraut dampfte in den Kesseln, und die Klöße wollten natürlich auf den Punkt gegart sein. Dazu gab es Sauerbraten. Und vorneweg eine kräftige wärmende Suppe.

Ein ganz großes Lob gebührte freilich - wie schon in den vergangenen Jahren - den ehemaligen Schülern der Maria-Sibylla-Merian-Realschule in Dusslingen und der Silcherschule in Sickenhausen. Die Dusslinger, damals noch Schüler, fanden bereits ihren ersten Einsatz so toll, "dass wir uns sagten, wir machen das einfach weiter", sagte Kathrin Schössler aus Gomaringen.

Für den Weihnachtsbaum im Nepomuk hatte Stadtrat und Förster Jo Schempp gesorgt, die Kuchen wurden ebenso gespendet wie der Inhalt der Geschenksäckchen, die es immer abschließend zur Bescherung gibt und die Sybille Köck genäht hat. Darin finden sich zumeist auch nützliche Sachen für den Alltag, wie Rasierzeug beispielsweise. Und kein Fest ohne Schoko-Nikoläuse: Die hatten Mitglieder des TSV Sondelfingen mitgebracht.

"Besonders freut es mich, dass wir heute gleich zwei Bands hier haben", so Gisela Steinhilber: "Schenken die uns doch ihre Zeit", das heißt natürlich auch, dass sie ohne Gage spielen. So die Band "Malin Head", die zum Essen irische Musik mit Gesang, Gitarre und Geige zu Gehör brachte.

Das Ensemble "Musikan-Celli" begleitete die Weihnachtslieder. Und bereits zuvor stimmten sie ein für die Feierstunde mit besinnlichen Worten von Pfarrer Dr. Jürgen Quack, der nun auch schon geraume Zeit in Rente ist, aber weiter diese Feier miterleben möchte.

Er las die Weihnachtsgeschichte aus dem Lukas-Evangelium, um sich dann mit Engeln zu beschäftigen, solchen, die wir alle im Alltag auch ausmachen können, wenn wir nur ein wenig aufmerksam sind.

Der Engel "Ephrem" beispielsweise wird von Petrus wieder auf die Erde geschickt, als Krankheitsvertretung. Natürlich soll er den Menschen helfen. Nur mit seinem weißen Kleid und den Flügeln läuft gar nichts. Als Schutzengel erlebt er einige Abenteuer, verkleidet sich aber oft, auch als Feuerwehrmann.

Denn mit dem Original-Outfit haben's Menschen heute nicht mehr, so Quack schmunzelnd. Am Ende zeigt er auf die Leute Publikum im Nepomuk und fragt: "Bist Du vielleicht auch so ein Engel in Verkleidung", der anderen helfen kann? Oder bist Du auf der Suche, der Deine Hilfe braucht?"

Quack versichert: Es gebe viele hilfreiche Engel im Alltag. Und sie gehen mit der Zeit, "müssen also nicht immer Lichtgestalten in Flügeln sein", nein, sie sehen aus wie Ich und Du". Wer mit wachen Augen durchs Leben gehe, werde sie auch erkennen - auch in den Straßen von Reutlingen, so Quack.