Eigentlich hätte er eine Abschiedssinfonie dirigieren sollen, verkündete Ola Rudner dem Publikum, weil dies sein letztes Sinfoniekonzert in der Listhalle gewesen sei. Am 17. Dezember wird zwar noch ein weiteres Sinfoniekonzert in der Listhalle stattfinden - allerdings unter Leitung des Gastdirigenten Francesco Angelico.

Das Programm führte zunächst in milde Gefilde mit Zoltán Kodálys "Sommerabend", dessen Studien-Abschlussarbeit aus dem Jahr 1906. Kein genialer Wurf, aber sorgfältig gearbeitet, ein Stimmungsbild mit weichen Farben und pastoralem Holzbläser-Kolorit. Ola Rudner und die Seinen nahmen sich der Partitur mit viel Wärme an, die beseelt ausschwingenden Melodien evozierten Weite, kontrastiert durch locker akzentuierte Tanzrhythmen, die Partitur wurde klangsinnlich nuanciert und mit langem Atem für Struktur und Entwicklung umgesetzt.

Klangsinnlichkeit in reichem Maß war auch beim Auftritt des Stargastes zu erleben: Die renommierte israelische Klarinettistin Sharon Kam spielte das Klarinettenkonzert Nr. 2 von Carl Maria von Weber, ein Solistenkonzert par excellence. Hier wurden die Qualitäten des Instruments brillant in Szene gesetzt, vom Orchester spielfreudig und einfühlsam begleitet.

Der Spitzenton zu Beginn - zu scharf? Sharon Kam lächelt. Sie bezaubert mit makelloser Technik, spontaner Körpersprache und fesselnder Ausdruckskunst. Den mit "Romanze" überschriebenen 2. Satz gestaltet sie als gefühlvollen Monolog, lässt die Klarinette sprechen, singen und klagen - man fühlt sich bei der kultivierten Emotionalität spontan an Klezmer erinnert. Ganz die Kapriziöse gibt sie im Finalsatz, fast ironisch spitzt sie ihn zu und durchmisst mit atemberaubender Virtuosität den Ambitus und die Ausdrucksmöglichkeiten von Werk und Instrument.

Endgültig wird sie vom jubelnden Publikum ins Herz geschlossen, als sie ihre Zugabe in deutscher Sprache ansagt, Gershwins "Summertime" als gefühlvoll gehauchte Ausdrucksstudie.

Komponierte Zeitlosigkeit und Langeweile trennt mitunter nur Haaresbreite. Dass Robert Schumann die Längen in Franz Schuberts einstündiger Sinfonie in C (D 944) "himmlisch" fand, ist kein Wunder, war die C-Dur-Sinfonie doch seine Entdeckung.

Das Werk ist auch heute noch eine Herausforderung - auch für den Pultmagier Ola Rudner und die Philharmonie. Schon der Übergang von der Einleitung mit dem wunderbar musizierten Hornsolo zum rascheren Hauptteil ist schwierig: Hier lässt Rudner gegen Schuberts Intention beschleunigen, hin zu einer Dramatisierung mittels überzeichneter Kontraste, und der Kopfsatz endet in einem Triumph der Leidenschaft.

Der langsame zweite Satz enthüllt schöne Momente, aber auch nicht ganz sauber ausgeführte Stellen und eine gewisse Ratlosigkeit. Wo im dritten Satz Schuberts magische Gegenwelt aufscheinen könnte, wird eher solide musiziert. Dramatisieren nützt nichts, hier wären Fantasie und Vision vonnöten gewesen. Zum Finale mobilisieren die Musiker nochmals alle Kräfte, da wird nichts mehr beschönigt. Nicht nur Schuberts Zitat aus der "Neunten", auch das straff angezogene Tempo und der raue, ja wütende Tonfall des Orchesters gemahnen an Beethoven. Am Ende wischt sich Rudner demonstrativ den Schweiß von der Stirn - bei derlei "himmlischen Längen" kein Wunder. Am Ende: lebhafter Beifall.