Reutlingen Mit Fächer und Sombrero

Reutlingen / SUSANNE ECKSTEIN 02.01.2014
Das Silvesterkonzert der Jungen Sinfonie Reutlingen im Saal der Freien Georgenschule entwickelte sich erneut zu einem rauschenden Erfolg.

Der Konzertsaal der Freien Georgenschule platzte aus allen Nähten. Die Programmzettel reichten nicht. Und ein Teil des Publikums musste - nach vorheriger Sicherheits-Instruktion - mit Stehplätzen vorlieb nehmen.

Das beliebte Silvesterkonzert lockte wie gewohnt nicht nur mit freiem Eintritt, sondern auch mit einem Überraschungsgag. Man durfte gespannt sein, was sich Rainer M. Schmid und die Seinen diesmal hatten einfallen lassen.

Was hatte etwa der schwarze Sombrero am Bühnenrand zu bedeuten? Dieser galt zunächst dem Auftaktstück, dem mittlerweile fast populären "Danzón No. 2" von Arturo Márquez, der die Sinfonik mit Latino-Rhythmen und Tanzmusik-Schlagwerk zum Swingen bringt. Viel Sorgfalt widmete das Orchester diesem Stück, das mit feinen Soli bestach und mit starken Akzenten die Rhythmen befeuerte.

So leicht, wie Ferrucio Busoni angeblich das Divertimento für Flöte und Orchester op. 52 im Jahr 1920 aus dem Ärmel schüttelte, ist es beileibe nicht. Um so mehr Anerkennung gebührt dem Orchester und der Flötistin Martha Flamm für die Leistung, dieses launige Stück dennoch frisch und geschmeidig darzustellen. Mit souveräner Eleganz in Ton und Phrasierung meisterte Martha Flamm ihren Part und ließ sich nicht einmal vom Lärm aus dem Publikum aus der Bahn werfen.

Derlei kann allerdings passieren - ihrem Orchesterkollegen Sebastian Steinhilber, der nach den drei Ungarischen Tänzen Nr. 1, 3 und 10 von Brahms als Viola-Solist mit Max Bruchs Romanze für Bratsche und Orchester nach vorne trat, blieb diese Erfahrung nicht erspart. Was jedoch zählt, ist die durchgehaltene Intensität der Musik. Steinhilber und das Orchester nahmen das romantische Gepräge dieses verkannten Juwels der Konzertliteratur offenbar gerne auf und steigerten es zu einem hohen Maß an Virtuosität und Gefühl, das man gemeinhin der Bratsche nicht zutraut.

Ein echter Reißer der Programm-Musik bildete den offiziellen Programmschluss: Modest Mussorgskis "Nacht auf dem kahlen Berge". Diesen orchestralen Hexensabbat hatten Rainer M. Schmid und die Seinen geradezu perfekt einstudiert; lustvoll und präzise malten sie alle Details grellbunt aus, da flirrten die Streicher, quiekten die Flöten und knarzte das tiefe Blech nach Herzenslust.

Das Orchester ließ die Geister der Finsternis feiern, bis sakrale Glockenschläge dem Treiben ein Ende setzten und in zarten Klangflächen eine Morgenstimmung vom Feinsten weckten.

Und zunehmende Spannung im Publikum. Da musste nach den Neujahrswünschen des Dirigenten noch etwas kommen - und siehe da: Aus seidig entfalteten Streicher-Schleiern schälte sich der Radetzkymarsch, verschwand wieder, und die Schleier enthüllten Passagen der zuvor gespielten Solostücke, die man von Martha Flamm und Sebastian Steinhilber gerne wieder hörte.

Wie von Zauberhand tauchten danach Sombreros, Blumenketten, Fächer und Hütchen auf, die Geigen wurden zu Gitarren, und dem angewärmten Danzón vom Anfang wurde nun ordentlich eingeheizt, gelöster und schwungvoller als zuvor, und soviel südliche Glut entwickelt, dass die Bühne vibrierte und man zuletzt mit den Musikern aufstehen und mittanzen mochte.

Lang anhaltender Jubel, nochmals der Radetzky-Marsch - und das neue Jahr durfte kommen.

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