Reutlingen Mit den Flügeln der Morgenröte

Reutlingen / SUSANNE ECKSTEIN 12.10.2015
Eine Erstaufführung als "Blume für Bach" überreichte der Knabenchor capella vocalis samt Solisten in der Christuskirche. Die Leitung hatte Christian Bonath.

Das Wortspiel bezog sich auf den Komponisten Jürgen Blume, der vor kurzem die Kantate "Der Mensch, das Spiel der Zeit" für Christian Bonath und den Knabenchor capella vocalis komponiert hatte und nun persönlich am Samstagabend ins Werk einführte. Darin will er zum Nachdenken anregen, aber auch grundsätzlich die Wahrnehmung schärfen.

Umkränzt wurde das taufrische Stück mit Werken von Johann Bach, Johann Sebastian Bach und Felix Mendelssohn-Bartholdy in einer reizvollen Kombination von Alt und Neu - einem Programm, dem man mehr Zuspruch gewünscht hätte. War es etwa noch zu früh für das November-Thema "Vergänglichkeit", fehlte es an der Werbung? Zudem lockte gleichzeitig eine große Chorveranstaltung das Publikum in die Stadthalle.

Jürgen Blumes Kantate wurden Motetten der Barockzeit als Gegenpol vorangestellt. Zunächst erklang die Trauermotette "Unser Leben ist ein Schatten" von Johann Bach, dem Erfurter Großonkel von Johann Sebastian Bach. Mit ihr malten die Soprane kunstvoll flackernde Schatten-Figurationen, die jungen Stimmen entfalteten abwechselnd vier- bis sechsstimmig aufgefächerte Klangfülle.

Einen Weg der Hoffnung wiesen zwei Motetten von Johann Sebastian Bach: "Der Geist hilft unsrer Schwachheit auf", in deren zweichörigem Satz alle Sänger glockenhell und rein, sonor und souverän fast solistisches Können bewiesen, sowie "Lobet den Herrn, alle Heiden", deren weit geschwungene Melismen erneut die Qualität des Chors forderten und bewiesen. Den Continuo-Part an der Truhenorgel übernahm Eberhard Becker, so dass Chorleiter Bonath freie Hand für sein lebhaftes Dirigat hatte, dem die jungen Sänger - unter ihnen einige Neuzugänge im Grundschulalter - wie stets hellwach folgten.

Auch in der Kantate selbst sind Tradition und Moderne eng verwoben: Jürgen Blume verbindet in "Der Mensch, das Spiel der Zeit" barocke Texte und Kompositionstechniken mit seiner heutigen Klangsprache, Wort-Ausdeutung mit freier Tonalität, knapp formuliert, durchsichtig gesetzt, eingepasst ins alte Kantatenschema. Der Chor folgte der eigenwillig am Text entlang geführten Melodielinie - wie stets - diszipliniert und klangrein.

Der Knabensolist Jan Jerlitschka übernahm gleich mehrere Partien: das gesprochene Rezitativ, die Choralarie "Wenn ich die Flügel nähm'" und die zentrale Mezzosopran-Arie "Der Mensch, das Spiel der Zeit". Sichtbar erkältet, meisterte er dennoch seine anspruchsvolle Aufgabe bravourös: hell und klar wie die Morgenröte sein Duett mit dem Flötenregister der Orgel, eindringlich in Verbindung mit den harten Trommelschlägen.

Orgel (hier: Olaf Joksch) und Schlaginstrumente (Marcel Sartor, Samuel Bilger) setzten Akzente mit archaisch anmutenden Orgelmotiven, dem Glitzern, Klingeln und Verwehen des Windspiels und dem bedrohlichen Wirbeln und Krachen der Pauken. Die "Blume für Bach" erwies sich als dornige Rose, die das Thema "Vergänglichkeit" unerbittlich sinnfällig macht - anstrengend auch für die Zuhörer, zumal auf eine Pause in dem zweistündigen Konzert verzichtet wurde.

Ausgleich und Erholung bot der Schluss: Bonath und sein Chor öffneten mit Mendelssohns Hymne "Hör mein Bitten" das Fenster in die wunderbare Gegenwelt der Romantik, ausdrucksvoll gestaltet von Jan Jerlitschka als Vorsänger, dem der Chor ebenso gefühlvoll und nuancenreich antwortete. Langer Applaus, Bach als Zugabe.

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