Reutlingen Mit dem Smartphone Geschichte entdecken

Hier spricht selbst das Pferd: Dr. Boris Niclas-Tölle und Kulturamtsleiter Dr. Werner Ströbele (rechts) stellen das neue digitale Projekt „Zehn Köpfe für Reutlingen“ im Heimatmuseum vor.
Hier spricht selbst das Pferd: Dr. Boris Niclas-Tölle und Kulturamtsleiter Dr. Werner Ströbele (rechts) stellen das neue digitale Projekt „Zehn Köpfe für Reutlingen“ im Heimatmuseum vor. © Foto: Ralph Bausinger
Reutlingen / Von Ralph Bausinger 03.08.2018

Im Gegensatz zu französischen Schulen heißt es im Heimatmuseum ausdrücklich: „Smartphones erwünscht!“ Mit dem Taschencomputer, den man immer dabei hat, können die Besucher bei einem Audiorundgang jetzt zehn Mini-Hörspiele abrufen, in denen sich Persönlichkeiten aus der Stadtgeschichte vorstellen.

Unter den „zehn Köpfen“ finden sich zahlreiche bekannte Protagonisten aus der langen Historie der Stadt wie der erste Nachkriegsoberbürgermeister Oskar Kalbfell, die Schriftstellerin Isolde Kurz oder auch Laura Schradin, sozialdemokratische Kämpferin für Frauenrechte. Weniger bekannt sein dürften der Königsbronner Abt Melchior, der Lehrer Konrad Spechtshart, der Wengerter-Zunftmeister Stephan Votteler oder auch Johannes Bantlin, der um die Wende zum 18. Jahrhundert eine Osmanin heiratete, nachdem diese den christlichen Glauben angenommen hatte. Nicht zu vergessen ein ausgestopftes Pferd, das der Reutlinger Sattler Reebmann zum 22. Bundestag des Württembergischen Kriegerbundes im Juni 1914 geschaffen hatte.

Die zehn Stationen sind auf das gesamte Haus verteilt. „Wir wollten einen vielfältigen Zugriff auf die Reutlinger Stadtgeschichte“, erläuterte Boris Niclas-Tölle, der die Texte für die Mini-Hörspiele verfasst hat. Eingesprochen wurden sie von den Schauspielern Julia Coolens und Holger Schlosser.

Die zwischen zwei und vier Minuten langen Hörspiele bieten auch die Möglichkeit, Geschichten zu erzählen, die keinen Platz in den Objektbeschriftungen oder im Katalog der Dauerausstellung gefunden haben. Es ist eine andere, eine unterhaltsame Form des Einstiegs. Die Zielgruppe sind aber nicht nur neue Besucher, der Audiorundgang richtet sich auch an Stammgäste, die das Museum bereits kennen, die Objekte aber aus einer neuen Perspektive betrachten wollen.

Das Angebot ist vor allem für jene Besucher gedacht, die bei der Freizeitgestaltung auf ihre Smartphones zurückgreifen und entsprechende Angebote erwarten. Dass deren Zahl zunimmt, da sind sich die Verantwortlichen um Kulturamtsleiter Dr. Werner Ströbele sicher.

Die Besucher können die Tour auf zwei unterschiedliche Wege abrufen. Wer bereits über die Reutlinger Smartcity App verfügt, wird beim Gang durch das Museum vom Handy über SMS informiert, wenn eine Geschichte in seiner Nähe verfügbar ist. Allerdings müssen dafür auf dem Smartphone neben der Smartcity-App auch Bluetooth und GPS aktiviert sein, da die Ortung über versteckte Sensoren („Beacons“) erfolgt, mit denen die App via Bluetooth kommuniziert. Als zweite Möglichkeit können die Museumsbesucher die QR-Codes scannen. Sie erhalten damit Zugriff auf die Minihörspiele, sofern eine Internetverbindung vorhanden ist.

Um den mobilen Datenverbrauch zu schonen, steht seit kurzem kostenloses WLAN im Heimatmuseum bereit. Für die Benutzung ist keine Anmeldung notwendig, es reicht, auf der Startseite anonym die Nutzungsbedingungen zu akzeptieren. Es wird empfohlen, Kopfhörer zu verwenden, um die anderen Museumsbesucher nicht zu stören.

„Die Digitalisierung bietet sich an, um neue Weg der Vermittlung zu gehen“, betonte der Kulturamtsleiter. Ströbele möchte jetzt den Testlauf des Experiments abwarten und schauen, wie das neue Angebot ankommt. „Wenn wir merken, dass die Sache Zukunft hat, werden wir sie weiter ausbauen.“

Museums-Mehrwert für Smartphonenutzer

Die „Zehn Köpfe für Reutlingen“ sind nicht das erste Angebot des Heimatmuseums, das sich an Smartphonenutzer richtet. Bei „RT im Bild“ gestalteten die Teilnehmer mit ihren selbstgemachten  Stadtbildern eine komplette Ausstellung. Diese Form kam in Fachkreisen gut an und erhält im Frühjahr 2019 die Auszeichnung „Heimat – vorbildlich im Museum“ des Arbeitskreises Heimatpflege im Regierungspräsidium Tübingen.

In der Sonderausstellung „Firmengeschichte(n)“ des Industriemagazins lassen sich ebenfalls mit Hilfe von QR-Codes zusätzliche Inhalte wie beispielsweise Bildergalerien mit historischen Firmenansichten abrufen. rab

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