Reutlingen Mit dem Herzen bei den Menschen

Dekan Marcus Keinath (links) und Prälat Dr. Christian Rose nach dem Investitur-Gottesdienst in der Marienkirche.
Dekan Marcus Keinath (links) und Prälat Dr. Christian Rose nach dem Investitur-Gottesdienst in der Marienkirche. © Foto: Angela Steidle
Reutlingen / ANGELA STEIDLE 30.03.2015
"Als Kirche sind wir für die Menschen da", begrüßte Dekan Hermann Friedl für die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen seinen evangelischen Amtskollegen Keinath: "Ich freue mich riesig auf unser Miteinander".

Der Reichenecker Ortsvorsteher Erwin Bleher hatte dem Vikar der Leonhardskirche, Marcus Keinath, schon vor 20 Jahren prophezeit: ". . .und glauben sie mir: Sie werden einmal Dekan!"

Prälat Prof. Dr. Christian Rose stellte zur Amtseinsetzung des neuen Dekans im Evangelischen Kirchenbezirk Reutlingen die Frage, wer wohl in der Familie Keinath am Palmsonntag der "Esel" gewesen sei? Eigentlich egal, weil: "Ob sie störrisch sein können, wird sich noch weisen". Tatsache sei, dass der neue Dekan mit seinen vier "Hüten" als Pfarrer, Geschäftsführer der Gesamtkirchengemeinde, Zuständiger auf Bezirksebene und als Kirchenleitung vor Ort zumindest ein "Lastesel" sein müsse.

Die Brücke, die sich für den gebürtigen Remstäler Keinath zwischen der Reichsstadt Rottweil als letzter Wirkungsstätte und der Reichsstadt Reutlingen spannt: "Es ist ein Weg zurück zum Anfang." Wenn sich der Menschenfreund, Kunst- und Kulturliebhaber treu bleibt, hat der Kirchenbezirk einen Dekan mit "viel Engagement, Weitsicht und einem wachen Verstand für eine Kirche nahe am Menschen", sagte der Prälat.

Rose: "Im Herzen ist der Sitz des Lebens. Sie hatten ihr Herz an die Predigerkirche in Rottweil verloren. Auch in der Marienkirche hören sie den Herzschlag Gottes." Im Bezug auf die Flugzeugkatastrophe in den französischen Alpen und anderswo auf der Welt sei es nötig, dass das "Bodenpersonal Gottes" diesen auch noch unter der Verzweiflung der Menschen in erschütternden Katastrophen höre.

Das Predigtthema am Palmsonntag aus dem Hebräerbrief Kapitel 12, Vers 1-3 erzählt von Mut, Zuversicht und einem starken Glauben, der Orientierung gibt: "Die Einschnitte im Leben, die uns zum Nachdenken bringen, sind nicht die großen Ausnahmesituationen. Alle Ereignisse zusammen lassen uns manchmal den Mut und die Zuversicht für das, was vor uns liegt, verlieren", so Dekan Keinath.

Persönlichkeiten wie der Reutlinger Reformator Matthäus Alber, biblische Figuren wie Abraham, Sara, Abel oder David und Samuel bildeten zusammen eine "Wolke des Glaubens, die uns zeigt, dass Glauben eine feste Zuversicht ist auf das, was man hofft und ein Nichtverzweifeln an dem, was man nicht sieht". Als einer, der "mit offenen Herzen sieht" zählt Keinath "all die Perlen dazu, die zusammen den reichen Schatz dessen erkennen lassen, was Kirche ist und wo Menschen für Menschen da sind, sich kümmern, sich helfen, sich ermutigen, sich begleiten". Menschen, die sich ehrenamtlich in Asylcafés, im interreligiösen Dialog, in der Jugendarbeit oder in der Notfall-Seelsorge engagieren. Prälat Rose: Kirche sei für Marcus Keinath "ein Ort der Freiheit, der Entfaltung und des ganzheitlichen Dienstes nahe am Menschen".

"Der Kreis schließt sich", freute sich Landrat Thomas Reumann als Keinaths weltliches Gegenüber. Gerade im Hinblich auf die Flüchtlingssituation forderte er "das Wir in der Gesellschaft: Die Kirche muss Stellung beziehen, Orientierung geben und klare Koordinaten vorgeben. Zu ihren wichtigsten Aufgaben zählen Toleranz und Gerechtigkeit", formulierte der Landrat. Mit seelsorgerischer Zuwendung lasse sich mehr bewegen als mit tradierten Einstellungen.

"Das ist ein Großer", hatte Reutlingens Oberbürgermeisterin Barbara Bosch schon beim ersten Handschlag bemerkt: "Den Herzschlag Reutlingens aufzunehmen wird ihnen nicht schwerfallen. Sie haben ein offenes Herz". Bei mehr als 37 Prozent Migrationsanteil in der Stadtgesellschaft gehe es vor allem ums Annehmen.

"Als christliche Konfessionen haben wir vieles gemeinsam", postulierte Dekan Hermann Friedl vom katholischen Dekanat Reutlingen-Zwiefalten, "leider noch nicht die vollständige Einheit". Friedl zitierte Martin Stöffelbrecht: "Nicht Machtansprüche sind gefragt, sondern das Lebensrecht aller".

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