Pfullingen Mit dem 19. Jahrhundert in die Zukunft

Martin Fink ist fasziniert vom Guckkasten, Waltraud Pustal zeigt eines der Auswanderer-Dokumente.
Martin Fink ist fasziniert vom Guckkasten, Waltraud Pustal zeigt eines der Auswanderer-Dokumente. © Foto: Evelyn Rupprecht
Von Evelyn Rupprecht 14.07.2018

Der Blick in den Guckkasten ist schwindelerregend. Starker Seegang lässt das Schiff, auf dem die Auswanderer nach Amerika reisen, mächtig schwanken. Auch Prof. Waltraud Pustal und Martin Fink, die Vorsitzende des Pfullinger Geschichtsvereins und ihr Stellvertreter, sind beeindruckt von der Szene, die gerade vor ihren Augen abläuft – und die Teil der neuen Konzeption ist, mit der sie das Stadtgeschichtliche Museum zukunftsfähig machen wollen.

Es ist das ehemalige Keltenzimmer im ersten Stock des Schlössles, das der Geschichtsverein auserkoren hat, um es zu einer Art Vorzeigeraum zu machen. Hier wollen die Ehrenamtlichen darstellen, wie es später einmal im Schlössle und der gegenüberliegenden Scheune aussehen könnte, wenn im gesamten Stadtgeschichtlichen Museum erstmal die Neukonzeption umgesetzt ist. 15 000  Euro hat der Verein investiert, um in dem Zimmer die Massenauswanderung im 19. Jahrhundert zu dokumentieren. Das Kirchentellinsfurter Gestaltungsbüro Ege + Hartmaier hat dabei kräftig mitgeholfen, genauso wie Luise Lüttmann, die für den Part des BNE (Bildung für nachhaltige Entwicklung) zuständig war.

Entstanden ist in dem Raum eine Art „Schlössle der Zukunft“. Stadtarchivar Stefan Spiller hat die Ausstellungstexte erarbeitet und einen Großteil der Quellenvorlagen beigesteuert, die unter anderem in den Reise- und Seekisten Platz finden, die sich im einstigen Keltenzimmer stapeln. Auf zwei Bildschirm-Installationen sind Filmsequenzen zu sehen, auf drei großen Textbannern werden die Motive und Erwartungen der Pfullinger Migranten skizziert, die sich in Amerika und im Osten Europas ein neues Leben aufbauen wollten. Manchen gelang dies, andere scheiterten und endeten in Armut. Alles allerdings schien für sie besser zu sein, als im 19. Jahrhundert zuhause zu bleiben. Vor allem das „Jahr ohne Sommer“, das dem Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora 1815 folgte,  löste eine wahre Migrationswelle aus, weil es hierzulande nicht mehr hell wurde und die Ernten ausfielen.

Zu denen, die Pfullingen im 19. Jahrhundert verließen, gehörten auch die Vorfahren des US-Amerikaners Kenneth L. Hess. Er hat Unterlagen für die Neukonzeption des Museums zur Verfügung gestellt. Es werden aber auch die Geschichten der Familien Weber, Ruehle und Bauder erzählt. Oder die von Martin Keppler, der sich zwar mit seiner Familie in Amerika eingelebt, den Kontakt zur Heimat aber nie hat abreißen lassen. Er hat nicht nur 25 Ozeanreisen gemacht, um regelmäßig die alte Heimat zu besuchen, sondern im Jahr 1904 auch ein Fenster in der Martinskirche gestiftet.

All das wird in dem neu gestalteten Raum dokumentiert, in den Waltraud Pustal und ihre Mitstreiter große Hoffnungen setzen. Alle Exponate sind anfassbar, ja sie sollen sogar berührt werden. „Betreten ausdrücklich erlaubt“, sagt die Geschichtsvereins-Vorsitzende mit Blick auf den Raum. Der Verein will das gesamte Museum auf die Höhe der Zeit bringen, es für alle Generationen interessant machen, aber vor allem auch den Nachwuchs damit ansprechen. Wozu letztlich allerdings auch der Umbau beider Gebäude gehört.

Vor allem die Scheune ist aus brandschutztechnischen Gründen kaum mehr nutzbar, aber auch das Schlössle muss modernisiert werden – ein Thema, das wohl noch vor den Sommerferien im Gemeinderat aufschlagen wird.

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