Er hat lange gezögert, bis er dann doch Anfang Dezember seine Kandidatur für den Posten des Reutlinger Oberbürgermeisters erklärt hat. Dennoch ist Dr. Carl-Gustav Kalbfell, der von der FDP unterstützt wird, überzeugt, dass sein Einstieg in den Wahlkampf keineswegs zu spät, sondern genau richtig gewesen sei“, wie er im Gespräch mit unserer Zeitung betont und verweist auf die verantwortungsvolle Position, die er als Sozialbürgermeister in Leinfelden-Echterdingen innehat.

Jüngste der fünf Bewerber

„Für mich kommt es nicht darauf an, wer als Erster startet, sondern wer als Erster durchs Ziel läuft“, sagt selbstbewusst der mit 41 Jahren jüngste der fünf Bewerber, der die OB-Kandidatur mit einem Marathonlauf vergleicht. Die Befürchtung, dass man ihm seine Reutlinger Kandidatur in Leinfelden-Echterdingen übelnehme, hat er nicht. Es sei keineswegs ehrenrührig, in seiner Heimatstadt zu kandidieren, dort, wo man sechs Jahre Gemeinderat war, unterstreicht Kalbfell. Ein Wahlkampf, die Auseinandersetzung mit Themen, führe zu einer persönlichen Entwicklung. Davon profitierten schließlich alle.

Obwohl er via Facebook in den sozialen Medien vertreten ist, setzt Kalbfell in seinem Wahlkampf – wie auch die anderen Kandidaten – ganz auf Bürgernähe. Die persönliche Präsenz sei enorm wichtig, die Leute wollten die Kandidaten hautnah erleben, ihnen im persönlichen Gespräch ihre Sorgen und Anliegen schildern.

So hat er in den vergangenen beiden Wochen mit seinen „feurigen Bürgertreffs“ alle Stadtbezirke besucht, hat mit Vereinen, Einzelhändlern und Unternehmern gesprochen und auch Hausbesuche gemacht. Zehn bis zwölf Stunden pro Tag engagiert er sich für den Wahlkampf. Unterstützt wird er von seiner Familie und einem fünf- bis sechsköpfigen Team. In seinem Flyer gibt es eine Karte, auf der die Reutlinger Bürger ihre Wünsche und Prioritäten nennen können. An erster Stelle der Rückmeldungen findet sich das Megathema „Verkehr, Mobilität mit ÖPNV und Radwege, gefolgt von der Forderung nach bezahlbarem Wohnraum und der grundsätzlichen Frage nach der roten Linie, wie die Stadt in den kommenden Jahren aussehen soll – von der Stadtkreisgründung bis zur Verwaltungsmodernisierung.

Alles Themen, die sich auch unter Kalbfells eigenen Schwerpunkten finden: Er plädiert im Gespräch für ein ganzheitliches Konzept, das eine „nachhaltige Verkehrsentwicklung mit einer nachhaltigen Stadtentwicklung“ verknüpft. Neben dem 365-Euro-Jahresticket wünscht sich Kalbfell, dass der Preis für einen Einzelfahrschein auf einen Euro gesenkt wird. Beim Radwegekonzept möchte er Organisationen wie den ADFC oder die Critical Mass vor der Umsetzung stärker beteiligen. Kalbfell wendet sich gegen eine „Verteufelung des Autos“, er will vielmehr die Verkehrsträger besser aufeinanderabstimmen.

Um die angespannte Lage auf dem Wohnungsmarkt zu mildern, gelte es, zu prüfen, wie die Verwaltung schneller Baugenehmigungen erteilen könne. Werde hier zusätzliches Personal gebraucht? Oder gebe es andere Gründe? Fragen, denen er auf den Grund gehen möchte. In Sachen Wirtschaftsförderung will Kalbfell aktiv auf die Betriebe zugehen. Neben der Förderung von Zukunftstechnologien setzt sich das FDP-Mitglied dafür ein, einen Handwerkerpark einzurichten. Wichtig ist ihm auch, den sozialen Zusammenhalt in der Stadt zu stärken. Dazu zählt für Kalbfell auch die Stärkung der Bezirksgemeinden und ihrer Strukturen. Dazu gehörten auch gute Betreuungsangebote. „Wir müssen die Innenstadt und die Bezirksgemeinden als Einheit sehen“, betont der Sozialbürgermeister.

Neue Kommunikationsformen

Kalbfell will sich auch dafür einsetzen, dass die Stadtverwaltung neue Formen der Kommunikation, der Bürgerinformation und -beteiligung ausprobiert. Die Verwaltung müsse, betont der Kandidat, die Bürgerschaft stärker miteinbeziehen, ihnen wichtige Themen wie Feinstaub oder Auskreisung besser erklären. Um dies zu erreichen, könnte er sich ein Format „Reutlinger Dialog“ vorstellen, um die Bürger informativ und kommunikativ mehr abzuholen.

Neben der Bürgerbeteiligung verweist Kalbfell wie Schneider auch auf seine Verwaltungserfahrung, die er in Leinfelden-Echterdingen erworben hat. Seit dreieinhalb Jahren leite er in der 40 000-Einwohner-Stadt den Verwaltungs-, Kultur- und Sozialausschuss. Dabei sei es ihm immer wieder gelungen, die unterschiedlichen Positionen der einzelnen Fraktionen zusammenzuführen.

Wie sein großes Vorbild John F. Kennedy hat auch Kalbfell eine Vision: „Reutlingen kann lebenswerter werden“, sagt der ehemalige Stadtrat. Dazu zählen verbesserte Betreuungsangebote wie auch eine verbesserte digitale Ausstattung für die Schulen.

Stadtkreisgründung

In Sachen Stadtkreisgründung nimmt Kalbfell, der als FDP-Gemeinderat im Jahre 2015 für den Antrag der Stadt gestimmt hatte, eine klare Position ein. Die vom Gemeinderat beschlossene Verfassungsbeschwerde gegen die Entscheidung des Landtags hält er für richtig und konsequent: „Man muss das Eisen schmieden, wenn es heiß ist.“ Die Doppelstrategie aus Verhandeln und Klage sei „absolut richtig“, die Stadt dürfe in dieser Phase „nicht lockerlassen“.

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Carl-Gustav Kalbfell. Daten und Fakten


Persönliches: Carl-Gustav Kalbfell, am 22. Mai 1977 in Reutlingen geboren, ist verheiratet. Mit seiner Frau Camila hat er eine gemeinsame Tochter, dazu kommen zwei Kinder aus erster Ehe.

Berufliches: Seit 2015 ist er Bürgermeister von Leinfelden-Echterdingen, wo er für die Ämter Schulen, Jugend, Vereine, Kultur, Soziale Dienste, Bürger und Ordnung sowie die Volkshochschule und das Deutsche Spielkartenmuseum verantwortlich zeichnet. Zuvor hatte er vom 2007 bis 2015 im Sozialministerium Baden-Württemberg gearbeitet. 2012/13 besuchte er die Führungsakademie des Landes.

Ehrenamtliches Engagement: Von 2009 bis 2015 gehörte Kalbfell dem Reutlinger Gemeinderat an, von 2009 bis 2014 saß er im Kreistag. Daneben ist er auch Mitglied im Altstadtfreundeskreis.

Als Hobbies nennt das FDP-Mitglied Imkerei, Kunst, Kultur und Schwimmen. rab