Lenni, wo hast Du die Kehrschaufel hin?“ Der 24-Jährige muss nicht lang überlegen. „Die ist im Vorratsraum“, kommt die Antwort binnen einer Sekunde. Der Dialog der beiden Crew-Leute ist bezeichnend dafür, wie es bei der Hausbesetzung der Kaiserstraße 39, die mittlerweile über zwei Wochen dauert, zugeht. „Wir schaffen hier was. Und das wollen wir auch vermitteln. Wir möchten, dass Außenstehende dieses Bild von uns haben“, erklärt Lenni, der sozusagen ein Mann der ersten Stunde ist, weil er am frühen Morgen des 25. Mai dabei war, als eine zehnköpfige Gruppe in das GWG-Gebäude, das fast fünf Jahre leer stand, eingedrungen ist. Seitdem verlassen Lenni und die anderen das Haus nur noch, um zur Arbeit zu gehen. Wobei: Richtig was wegschaffen will das Besetzerinnenkollektiv auch, wenn es in seinen neuen vier Wänden ist. „Unsere Selbstverwaltung hier funktioniert gut. Alle arbeiten mit“, sagt Lenni, der zum Sprecher-Team der Crew gehört.

Die Gruppe, die an manchen Tagen auf 30 Mit-Besetzer anwächst, hat bereits Dachziegel erneuert, weil es rein geregnet hat in das alte Gebäude, sie hat Wasserlecks an den Zuflüssen abgedichtet und die oberste Etage aus hygienischen Gründen gesperrt. „Wir haben jetzt alles erledigt, was akut nötig war“, berichtet der 24-Jährige. Nach der Pflicht kommt nun die Kür: „Leute aus der Zivilgesellschaft“, wie er die Besucher nennt, haben den Hausbesetzern drei Hochbeete geschenkt. „Die pflanzen wir demnächst an“, kündigt Lenni an, der mit seinen Mitstreitern auch schon die Hecke zurückgeschnitten und den Hof aufgeräumt hat. Was bei den Nachbarn gut ankommt. „So sauber war es hier noch nie“, sagt einer, der nebenan wohnt und der Crew einen Kurzbesuch abstattet.

Gäste hat das lokale Kollektiv täglich und in großer Zahl. „Da kommen ganz viele Leute, die mit uns sprechen und uns unterstützen wollen“, berichtet Lenni. Fünf Sofas, mehrere Tische, Regale und Stühle, Kühl- und Gefrierschränke hat die Crew mittlerweile gespendet bekommen und damit nicht nur ein Arbeitszimmer, sondern auch zwei Wohnzimmer und teilweise auch Schlafräume eingerichtet.  Gleichzeitig ist der Vorratsraum gut gefüllt mit Lebensmittelspenden. Gemüse, Reis, Brotaufstriche und Kartoffeln haben die Unterstützer vorbeigebracht, „von denen wir die meisten vorher gar nicht gekannt haben“.

Es sieht nicht nur so aus als wollte die Crew langfristig hier bleiben – es ist auch so. „Wir möchten hier ein Stadtteilzentrum außerhalb des Konsums einrichten. Es braucht für die Menschen solche Rückzugsorte, an denen sie aber auch zusammenkommen können“, erklärt Lenni, der, wie die anderen, mit der Hausbesetzung auf Wohnungsleerstände aufmerksam machen möchte. Die Crew fordert von der Stadt konsequentes Eingreifen in den Wohnungsmarkt bis hin zu „Enteignungen zum Wohle aller“. Anliegen, die das Team am heutigen Dienstag in einen Gespräch mit der Stadt und der GWG noch einmal wiederholen möchte. „Wir wollen in unserem Druck nicht nachlassen und weichen von unseren Forderungen nicht ab. Wir sind aber auch ein Stück weit kompromissbereit und suchen das konstruktive, deeskalierende Gespräch“, sagt Lenni mit Blick auf das Treffen mit der Stadt und der GWG, die bereits Anzeige erstattet hat. Einen Räumungsbescheid hat das lokale Kollektiv allerdings noch nicht bekommen. Deshalb ist die Gruppe, die zum Großteil aus Mittzwanzigern, teils aber auch aus Teenies besteht („Alles sehr klare Menschen“, wie Lenni findet), auch gespannt auf das, was das Treffen heute Abend bringt.