Reutlingen Mit 100 allein umgezogen

Blumen von Andrea Gerster vom Standesamt für den Jubilar. Foto: Mareike Manzke
Blumen von Andrea Gerster vom Standesamt für den Jubilar. Foto: Mareike Manzke
Reutlingen / MAREIKE MANZKE 31.08.2013
Viele Tätigkeiten hat Walter Ellinger schon ausgeübt: Konditor, Fotograf, Berg- oder Waldarbeiter, Musiker und Musiklehrer, Soldat, Werkmeister. Eines steht fest: Langweilig wurde es bei ihm nie.

Walter Ellinger ließ es sich nicht nehmen, seine Gäste persönlich an der Haustüre abzuholen. Im August ist er in eine betreute Wohnung, die zum Gustav-Werner- Stift gehört, eingezogen. Den Umzug dorthin hat er im Alleingang mit seinem Wagen gemeistert. Denn auch Auto fährt er mit seinen 101 Jahren noch. "Besser als ich laufe", entgegnete er neckisch. Daher erkundigte er sich auch gleich bei Marion Hipp-Kapuja, die für sein Haus zuständig ist, wann denn eigentlich sein Parkplatz fertig sei.

Beim Umzug habe er auch seinen "Engel" kennen gelernt, eine junge Frau, die ihn angesprochen habe, ob sie ihm beim Tragen helfen könne. "Sie schickt der Himmel!", habe er darauf geantwortet und das Angebot gerne angenommen. Daraus entwickelte sich eine rege Freundschaft. Auch an seinem Geburtstag war er mit seiner neu gewonnenen Freundin einen Kaffee trinken.

"Ich fühl mich hier seit dem ersten Tag wohl", erzählte Ellinger. Allerdings sei sein Herd noch nicht angeschlossen, daher habe er nicht - wie sonst jedes Jahr - einen Hefezopf backen können.

"Wenn man 100 Jahre alt wird, hat man halt viel erlebt", kommentierte er seine Biografie. Als er am 29. August 1912 in Lauffen am Neckar geboren wurde, konnte keiner ahnen, wie agil er noch im biblischen Alter sein würde. Mit 24 Jahren heiratete er seine Frau Martha. Sogar bis zur diamantenen Hochzeit schaffte es das Paar. Vor 16 Jahren verstarb sie dann. "Ich vermisse sie sehr", sagte er. Einen Sohn, zwei Enkel, von denen einer jedoch starb, und zwei Urenkel hat Walter Ellinger heute. 1938 zogen die Eheleute nach Reutlingen, wo er bei der Papierhülsenfabrik Emil Lauffen in Lohn und Brot kam.

Unterbrochen wurde Ellingers Reutlinger Zeit durch den Krieg, seine anschließende Kriegsgefangenschaft und einen längeren Aufenthalt in Crailsheim. 1955 hatte Reutlingen das Original aber wieder. Er fing bei der Firma Emil Adolff an, wo er bis zu seiner Rente blieb. "Mein Leben hatte zwar auch Schattenseiten, aber im Großen und Ganzen war es schön", sagte er lächelnd.

Privat liebt das Geburtstagskind die Geselligkeit und die Musik. 15 Jahre leitete er die Volksmusikgruppen beim Schwäbischen Albverein in Betzingen, die er auch gegründet hatte. In dem Verein betätigte er sich zudem lange Zeit als Wanderführer für Senioren. Dadurch sei er viel in Deutschland herumgekommen. Das Wandern habe ihn auch so fit gehalten, vermute er. Darüber hinaus erkundete er das Land viele Jahre mit seinem Wohnwagen - bis ins Alter von 95 Jahren. Ohne seine Frau sei ihm das dann aber irgendwann zu umständlich geworden, räumte er ein.

Bei seinem letzten Geburtstag hatte er mit Baubürgermeisterin Ulrike Hotz ausgemacht: Nächstes Jahr, selbe Zeit, selber Ort. Der Ort hat gewechselt, aber auch die Zeit war ein Problem. Da Hotz gerade urlaubt, überbrachte ihm Andrea Gerster vom Standesamt Grüße und Blumen. Vielleicht wird es ja im nächsten Jahr klappen.

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