Es ist gekommen, wie es der Pfullinger Landwirt vor gut einem Jahr in einem Gespräch mit unserer Zeitung vorausgesagt hat. "Das Preisniveau wird in den Keller fallen", war er sich schon damals sicher. Jetzt, knapp fünf Monate nachdem die Milchquote, die die Abgabemengen EU-weit reguliert hat, abgeschafft wurde, befinden sich die Preise tatsächlich im freien Fall.

40 Cent hat Koch, der immer zwischen 60 und 70 Milchkühe in seinem Stall stehen hat, zu Jahresbeginn noch pro geliefertem Liter Milch von der Molkerei bekommen. Seit dem 1. April aber hat sich das rasant geändert. Inzwischen kann ihm die Omira nur noch 28 Cent zahlen. Und, so prognostiziert es Koch, "es werden noch ein paar Cent weniger werden in der nächsten Zeit".

Dabei, sagt der Pfullinger Landwirt, dessen Hof an der Gönninger Straße zu den größeren Milch-Betrieben in der Region gehört, lege man eigentlich schon bei 30 Cent pro Liter drauf. Die Folge: Koch kann in diesen Wirtschaftszweig nicht mehr investieren, er muss sogar beim Futter sparen, um über die Runden zu kommen. Anstelle von teurem Spezialfutter wandert jetzt Standardware in den Stall. Und hätten die Kochs nicht noch andere Einnahmequellen, würde es komplett mau aussehen. "Nur mit den Gewinnen aus der Photovoltaik-Anlage, aus der Bullenmast und aus dem Hofladen können wir den Milchviehbetrieb überhaupt noch am Laufen halten."

Der Laden ist inzwischen zu einem wichtigen Standbein geworden. Die Milch, die er selbst in Flaschen abfüllt, kann Koch dort für 80 Cent pro Liter verkaufen. Das sind 52 Cent mehr, als er von der Molkerei bekommt. Nur: Die Menge, die im Hofladen verkauft wird, ist verschwindend gering im Vergleich zu der halben Million Liter, die er jährlich an die Omira abgibt.

"Weltweit kommt viel zu viel Milch auf den Markt", weiß der Landwirt. Denn seit es die Quote nicht mehr gibt, können Mega-Betriebe in denen 1000, teils sogar 2000 Tiere stehen, unbegrenzt produzieren. Neuerliche Milchseen und Butterberge seien die Folge. Allerdings hat Koch auch noch einen anderen Grund für den Preisverfall ausgemacht: Der Export lahmt. "China nimmt derzeit viel weniger Milch ab, in Russland werden europäische Lebensmittel vernichtet."

Wie es jetzt weitergehen soll? Aufgeben will der Pfullinger auf keinen Fall. Er führt den Eckhof bereits in der dritten Generation. Das Milchvieh wegzugeben oder zu schlachten, bringt er nicht übers Herz. "Das wäre ein schwerer Weg", sagt er, der nicht nur die Wirtschaftlichkeit sieht, sondern auch den psychologischen Aspekt. Zu beenden, was Vater und Großvater aufgebaut haben, ist für ihn keine Option.

Deshalb will Koch im September zu den großen Bauerndemonstrationen fahren. Nach München vielleicht und höchstwahrscheinlich nach Brüssel, wo tausende Landwirte einen machtvollen Auftritt planen. Man will Lösungen vorschlagen, wie sie der Bund deutscher Milchviehhalter schon zur Sprache gebracht hat. "Landwirte sollen für jedes Tier, auf das sie verzichten, eine Prämie bekommen", erläutert Koch eine der möglichen Problemlösungen. Das solle solange gemacht werden, bis das Marktgleichgewicht hergestellt sei, Angebot und Nachfrage wieder in einer vernünftigen Relation stehen würden. "In Brüssel", sagt er, "wollen wir den Abgeordneten klar machen, warum wir so unzufrieden sind." Druck wolle man aufbauen, weil seit dem Quoten-Wegfall nichts mehr in Butter sei. Im Gegenteil: Die Preise werden weiter abstürzen, sagt er. Und immer mehr Milchviehhalter werden aufgeben müssen.

Die Milchquote

Im Jahr 1984 führte die damalige Europäische Gemeinschaft (EG) eine Quotenregelung ein, um die Milchproduktion in den Mitgliedsstaaten zu beschränken. In Deutschland wurde die zugewiesene Quote auf die einzelnen milcherzeugenden Betriebe verteilt. Sinn und Erfolg wurden indes stets angezweifelt. Zum 1. April 2015 lief die Mengenregelung aus und Milcherzeuger können jetzt unabhängig von einer Quote Milch liefern.

SWP