SOZIALES Menschen in Krisen helfen

Bettina Guhlmann und Kerstin Herr berichteten als AKL-Hauptamtliche zusammen mit den ehrenamtlichen Krisenhelfern Irmela Hübner und Franz Sebastian (von links) über ihre Arbeit.
Bettina Guhlmann und Kerstin Herr berichteten als AKL-Hauptamtliche zusammen mit den ehrenamtlichen Krisenhelfern Irmela Hübner und Franz Sebastian (von links) über ihre Arbeit. © Foto: Norbert Leister
Reutlingen / Von Norbert Leister 10.08.2018

Insgesamt 10 080 Suizidtote wurden bundesweit 2015 registriert. Im Vergleich dazu starben in Deutschland im gleichen Jahr rund 3460 Menschen im Straßenverkehr. Im Landkreis Reutlingen fanden vergangenes Jahr 33 Menschen durch Suizid den Tod. Erschreckende Zahlen, von denen Bettina Guhlmann und Kerstin Herr im Pressegespräch am Donnerstag berichteten. Der Arbeitskreis Leben hat es sich als gemeinnütziger Verein seit 42 Jahren zur Aufgabe gemacht, Menschen in Krisensituationen zu helfen. Entweder vor Suizid, nach einem gescheiterten Versuch oder auch für das Umfeld von suizidgefährdeten Menschen da zu sein: Angehörige zählen genauso dazu wie Lehrer, Nachbarn, Kollegen oder Freunde und Mitschüler.

Kerstin Herr und Bettina Guhlmann haben zusammen mit dem Team der fast 50 Ehrenamtlichen 2017 rund 250 Menschen beraten und begleitet. Irmela Hübner ist eine der freiwilligen Krisenbegleiter, die sich ebenso wie Franz Sebastian für Menschen in persönlichen Krisen einsetzen, ihnen zuhören, sie begleiten und Halt geben. „Dabei kommt es gar nicht besonders drauf an, Ratschläge zu geben“, weiß Sebastian aus seiner Tätigkeit in der Tübinger Klinik.

Wenn er Bereitschaftsdienst hat, ruft er morgens bei der Intensivstation an, erkundigt sich, ob er gebraucht wird. „Im vergangenen Jahr war ich glücklicherweise nur zweimal dort, nachdem Menschen einen Suizidversuch hinter sich hatten“, berichtet der 70-jährige ehemalige Zahnarzt. Gerufen wird er, wenn Patienten den Wunsch äußern, mit jemandem über ihren Selbsttötungsversuch zu sprechen. „Das Personal in der Intensivstation ist wohl extrem dankbar, wenn jemand von uns vorbeikommt“, sagt er. Die zwei Male, als er mit den Patienten sprach, habe er fast nichts anderes machen müssen, als zuzuhören. „Es ist wissenschaftlich erforscht, dass Menschen direkt nach einem Suizidversuch am ehesten bereit sind, über die Gründe dafür zu sprechen“, betont Bettina Guhlmann.

Irmela Hübner wollte sich in ihrem Ruhestand weiter mit Menschen beschäftigen, berichtet die ehemalige Lehrerin. Ihr Motiv? „Mir geht es gut, ich kann was abgeben an die Menschen“, erläutert die 64-Jährige. Sie empfinde es als bereichernd, „wenn ich Menschen in Krisen aufzeigen kann, was in ihrem Leben positiv ist“. Als extrem gut bewertet Hübner die Präventionsbemühungen des AK Leben: Wenn Kerstin Herr oder auch Bettina Guhlmann in Schulen gehen, Lehrer, Schüler oder auch Eltern aufklären über das schwierige Thema Suizid. „Wichtig sind auch unsere Präventionsveranstaltungen etwa bei Seniorennachmittagen“, sagt Kerstin Herr. Schließlich würden nicht nur Jugendliche, sondern auch Ältere, über 60-Jährige, sich verhältnismäßig häufig mit Selbsttötungsgedanken plagen. „Das liegt oft an Verlusterfahrungen“, so Guhlmann.

Sowohl die Krisenberatungsstellen in Tübingen und Reutlingen wie auch das Online-Angebot für Jugendliche namens „Youth-Life-Line“ arbeiten unter dem gleichlautenden Motto „Krisen können nicht warten“. Möglichst zeitnah und niederschwellig soll der Kontakt zur Beratungsstelle sein, „es gibt keine Formulare oder Anträge“, keine bürokratischen Barrieren, sagt  Herr. Manches Mal überbrücken die Haupt- und Ehrenamtlichen die Zeit, bis Ratsuchende einen Therapieplatz bei Psychologen erhalten. „Oder wir begleiten auch Menschen, die nach einem Psychiatrieaufenthalt aus der Klinik zurück nach Hause kommen“, erklärt Guhlmann. „All das können wir nur leisten, weil wir durch unser Team der Ehrenamtlichen unterstützt werden“, sind sich die beiden Diplom-Pädagoginnen einig.

Es gibt auch junge Helfer

Dabei seien die ausgebildeten, freiwilligen Krisenhelfer nicht alle im Rentenalter: „Bei uns in der Gruppe sind auch einige Studenten“, berichten Hübner und Sebastian. Finanziert wird der AKL im Übrigen zu 65 Prozent von Stadt, Land und Landkreis – „35 Prozent müssen wir selbst erbringen, durch Spenden und Stiftungen“, so Herr. Der Aufwand, der dafür betrieben werden müsse, sei enorm groß.

Arbeitskreis Leben: Spenden erwünscht

Wer die Arbeit des AK Leben unterstützen möchte, kann sich entweder selbst zum Krisenhelfer ausbilden lassen oder auch finanziell einen Beitrag leisten. Die Bankverbindung lautet: IBAN: DE23 6409 0100 0106 0180 00, BIC: VBRTDE6RXXX bei der Volksbank Reutlingen. nol

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel