Reutlingen Mehr Spaß geht nicht

Eine endliche Geschichte: Zur "Kreidezeit" blühte der Reutlinger Marktplatz wie ein mediterranes Gemälde.
Eine endliche Geschichte: Zur "Kreidezeit" blühte der Reutlinger Marktplatz wie ein mediterranes Gemälde. © Foto: Angela Steidle
Reutlingen / ANGELA STEIDLE 09.09.2014
Ein paar Stück bunter Kreide in Kinderhand und der Reutlinger Marktplatz erblüht in einem Meer fantasievoller Blüten. Mehr Ferienspaß mitten in der City geht eigentlich nicht. Außer: dabei zuschauen.

Insgesamt war die Premiere des "Reutlinger Erlebnis-Sommers" eine gelungene Geschichte, sagt Stadtmarketing-Chefin Tanja Ulmer. Gefühlt war das letzte von drei Events der Favorit, der im Herzen haften bleibt. Nach dem "Brasilienfieber" zur WM-Endrunde im Juli und der Steigerung "Ladies Day" im August, zauberte die "Kreidezeit" für Kinder eine Stimmung in die Innenstadt, die dem Vergleich mit einer Florentiner Piazza standhält. Der Marktplatz war Leinwand und Passepartout zugleich für einen Schwarm "Pavement-Artists", die kurz vor Anpfiff aus allen Ecken drängten, sich einen Packen Kreide schnappten und nach der einfachen Anweisung "rund soll es sein und die Form einer Blüte haben" ans Werk gingen.

Zwischen geparkten Kinderwagen, dem spontanen Familien-Atelier, Eis-Picknick, Brunnen und Straßencafé wurde in allen Lebenslagen gemalt und verwischt: im Liegen, auf dem Hosenboden oder als marodierende Dreijährige in anderen Künstlerkolonien. Die Stimmung war entspannt wie seltenm die Begeisterung groß wie nie. Am Ende entstand ein Gesamtkunstwerk, das die perfekte Szene für eine temperamentvolle italienische Hochzeitsgesellschaft abgab. Innerhalb von nur knapp einer Stunde war der Spuk fast vorbei und für 200 Euro Kreide auf dem Pflaster verteilt.

Projektverantwortlicher HWP Diedenhofen von der Reutlinger Bildhauerschule war von seiner eigenen Idee völlig überrumpelt: "Eine ganz einfache Sache sollte es sein, an der vor allem kleine Kinder Spaß haben." Da hatte er sich wohl verrechnet: Jugendliche und Erwachsene waren mindestens genauso begeistert von der Kreidekunst und den Erinnerungen an die eigenen Kindergartenzeit wie die vielen Zuschauer drum herum. Der Diplom-Kunsttherapeut hat schon einige Schulprojekte betreut. Für den reibungslosen Ablauf - der sich dann beinahe selbst organisierte - hatte sich der Meister auf der Kettensäge zwei Studentinnen von der Hochschule für Kunsttherapie in Nürtingen organisiert.

"Kreidekunst ist eine ganz bodenständige Geschichte. Nicht die High-Tech-Sachen, die Kindern sonst geboten werden", sagt Tanja Ulmer erstaunt, "der Marktplatz wurde innerhalb einer Stunde richtig in Besitz genommen." Eine ganz neue Vorstellung, die nicht nur ihr Freude bereitet. Der Erlebnis-Sommer insgesamt sei als "feine, kleine Begleitaktion" gedacht gewesen, nicht in der Größenordnung eines verkaufsoffenen Sonntags. Das Ziel sei erreicht: "Es ist uns gelungen, Menschen in den Ferien in die Stadt zu ziehen. Wir möchten das beibehalten, weil doch recht viele daheim bleiben."

Zum Erfolgsrezept der "Kreidezeit" gehörte, dass es an diesem Samstag nur wenig zentrale Orte gab, an denen für die ganze Familie etwas geboten war: Am Albtorplatz, sonst eher am Rande des innerstädtischen Trubels, stand die Hüpfburg. Auch so ein Spielgerät, das Kinder stundenlang begeistern kann. Nebenan wurden Kreidetafeln für die Einschulung gebastelt und Namensschilder zum Anpinnen. Die angekündigten Airbrush-Tattoos wurden erst gar nicht in Betrieb genommen. Heike Szelinski und ihre Helferinnen von "Spaß und Co. aus Reutlingen hatten alle Hände voll damit zu tun, für Nachschub bei den Holztafeln zu sorgen. Gut 200 waren das insgesamt bestimmt. Das Bungee-Trampolin und die Pedalo-Spielgeräte im Spitalhof sorgten innerhalb von Minuten für eine kunterbunte Zirkusatmosphäre und ein Gewimmel wie auf dem Schulhof zur großen Pause. Die Gratis-Kinderbaustelle am Rathaus war ständig überfüllt.

Nur bei Straßenmalerin Marion Ruthardt am Tübinger Tor ging es eine gute Zeit lang sehr gemächlich zu: Drei-D-Straßenmalerei ist eher was für ältere Kinder, die perspektivisch denken können. Die Flucht in die dritte Dimension sieht man so richtig nur durch die Kamera oder die übergroße Linse auf einem Stativ. Das höhlentiefe Loch mit schwebenden Pflastersteinen zauberte vielen ein Schmunzeln ins Gesicht: "Schon genial. Da passt halb Reutlingen rein." Marion Ruthardt aus Geldern betreibt diese flüchtige Malerei in ihrer ganzen künstlerischen Bandbreite professionell rund um die Welt. Sie hat Preise abgeräumt und war mit einem 750 Quadratmeter großen Bild im Guinness-Buch der Rekorde. In Reutlingen hatte sie 2009 schon mal ihren Hund Paul in einer Erdspalte versenkt, ihr Sofa samt Teppich auf die Straße gemalt und ein Aquarium täuschend echter Delphine dressiert.

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