Reutlingen Mehr Erfolg mit Migranten

NORBERT LEISTER 04.10.2012
Die Reutlinger Stadtverwaltung will die "interkulturelle Öffnung" weiter vorantreiben - das betonte Oberbürgermeisterin Barbara Bosch am Dienstagabend im rappelvollen Spitalhofsaal.

"Mit der Unterzeichnung der Charta der Vielfalt setzt sich die Stadt Reutlingen dafür ein, dass alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Wertschätzung erfahren, unabhängig von Geschlecht, Nationalität, ethnischer Herkunft, Religion, Weltanschauung, Behinderung, Alter, sexueller Orientierung und Identität." Dieses Versprechen hat Reutlingens Oberbürgermeisterin Barbara Bosch mit der Unterzeichnung dieser Charta im Rahmen des Landesjubiläums bereits für die Stadtverwaltung gegeben. Am Dienstagabend wiederholte sie nun diese Zusicherung im Spitalhof, als Baden-Württembergs Integrationsministerin Bilkay Öney die offizielle Urkunde zu diesem Vorgang an Bosch überreichte.

"Mehr als 34 Prozent der Reutlinger Bevölkerung haben einen Migrationshintergrund oder auch Migrationsvordergrund", betonte die Integrationsministerin des Landes beim Festakt. In den öffentlichen Verwaltungen in ganz Baden-Württemberg sind laut Öney aber nicht einmal zehn Prozent Migranten beschäftigt. "Das bedeutet Nachholbedarf." Das sieht auch Barbara Bosch so - obwohl in Reutlingen schon einiges zur "interkulturellen Öffnung" getan worden sei. Die Einrichtung eines internationalen Dolmetscherpools etwa, der bei Gesprächen mit Bürgern eingesetzt werde. Hinzu kämen "der interkulturelle Garten" und das muslimische Grabfeld auf dem Friedhof Römerschanze.

Lob erntete die Stadt von Öney für die Ausstellung "Auspacken: Dinge und Geschichten von Zuwanderern", die 2009 die Lebensgeschichten von Migranten darstellte. Aber: Mit der Unterzeichnung der Charta verpflichtet sich die Stadtverwaltung laut Bosch dazu, diesen begonnenen Prozess weiter zu verfolgen. "Von Mai bis Juni 2012 hat die städtische Projektgruppe Interkulturelle Öffnung der Verwaltung konkrete Maßnahmen erarbeitet", sagte die Oberbürgermeisterin. Regelmäßige Fortbildungen "zur Förderung der interkulturellen Kompetenz" - die bereits seit 2006 angeboten würden - sollen vertieft und künftig speziell an Azubis und Nachwuchsführungskräfte gerichtet werden. Obendrein sollen "Aspekte wie interkulturelle Kompetenz und Migrationshintergrund in Zukunft in den Leitfaden zur Personalauswahl aufgenommen und stärker berücksichtigt werden", so Bosch. Weitere Schritte sollen folgen.

Aber: "Die Veränderungen im Sinne der Charta können sicherlich nicht von heute auf morgen erfolgen", betonte die Reutlinger Rathauschefin. Die Unterzeichnung der Charta sei jedoch laut Bilkay Öney "ein weiterer Meilenstein", um die Zukunft der Stadt aktiv zu gestalten und Migranten besser zu integrieren. Und das nicht nur in der Stadtverwaltung, sondern: "Wir wollen eine Vorbildfunktion für andere Unternehmen in der Region übernehmen", betonte Bosch am Dienstagabend im Spitalhof.

Bislang haben bundesweit 1250 Unternehmen und öffentliche Einrichtungen die "Charta der Vielfalt" unterzeichnet, im Ländle taten dies erst zwei Stadtverwaltungen vor Reutlingen - die in Stuttgart und in Ravensburg. Gestartet wurde die Initiative 2006 von Firmen wie Daimler, BP, Deutsche Bank und Telekom, "zur Förderung von Vielfalt" in diesen Firmen. "Ziel der Charta ist die Anerkennung, Wertschätzung und Förderung von Vielfalt und der damit verbundenen Potenziale", so Barbara Bosch. Die Integrationsministerin erläuterte auch, warum dieser Schritt für alle in Deutschland lebenden Menschen wichtig sei: "Eine Studie hat bewiesen, dass heterogene Teams kreativer und erfolgreicher sind."