Reutlingen Mehr als ein Wimpernschlag

Beim offiziellen Abschied (von links) Heinz Alfred Gemeinhardt, Barbara Bosch und Wilhelm Borth. Foto: Herdin
Beim offiziellen Abschied (von links) Heinz Alfred Gemeinhardt, Barbara Bosch und Wilhelm Borth. Foto: Herdin
Reutlingen / JÜRGEN HERDIN 13.09.2012
Im Beisein zahlreicher Vertreter des öffentlichen Lebens wurde am Dienstag Dr. Heinz Alfred Gemeinhardt nun auch offiziell aus seinem Amt verabschiedet. Der 66-Jährige war seit 1987 Direktor des Stadtarchivs.

Die große Überraschung kam am Ende der Feierstunde: Der Vorsitzende des Reutlinger Geschichtsvereins, Dr. Wilhelm Borth, überreichte Heinz Alfred Gemeinhardt, der bis jetzt auch Geschäftsführer des Geschichtsvereins war, eine ihm gewidmete Festschrift. Und die ist fast so umfangreich wie die neuen Reutlinger Geschichtsblätter, ein Buch, das zuvor Gemeinhardt in der Feierstunde selbst präsentiert hatte.

Ein Archivar hat Dinge daraufhin zu bewerten, was aufbewahrenswert ist - und damit bestimmt er auch die Geschichtsschreibung. Denn das ist der Fundus, auf den künftige Generationen zurückgreifen können, wenn sie beispielsweise in 200 Jahren von der Geschichte Reutlingens im 20. Jahrhundert und vom Leben der Menschen damals erfahren wollen.

Maßgeblich zur Geschichtsschreibung habe Heinz Alfred Gemeinhardt beigetragen, lobte dann auch Oberbürgermeisterin Barbara Bosch in ihrer Rede. Wenngleich von ihm selbst stets zu hören gewesen sei, dass 25 Jahre - mithin ein Vierteljahrhundert - relativ gesehen jedoch nicht mehr als "ein Wimpernschlag der Geschichte" seien. In Gemeinhardts Amtszeit, so Boschs Rechnung, könnten das allerdings ganz real über acht Milliarden Wimpernschläge gewesen sein.

"Sie haben einen Beruf ausgeübt, der mehr war, als das Wühlen in staubigen Folianten", so Bosch. Jakob von Rammingen, einen bedeutenden Archivar aus dem späten 16. Jahrhundert, zitierte Bosch, weil der damals schon wichtige Anforderungen an seinen Berufsstand formuliert hatte. "Ein Archivar sollte mindestens 30 Jahre alt sein" und er habe "beim Zechen nichts verloren" - was auch auf Heinz Alfred Gemeinhardt zutraf, als er 1987 sein Amt in Reutlingen antrat.

Auf souveräne Weise habe er sich dann auch in die neuen, elektronischen Medien eingearbeitet und sie beherrscht. Als großen Wurf wertet Bosch den einzigartigen Friedrich-List-Katalog im Internet. Wie überhaupt es sich Gemeinhardt bis heute nicht nehmen lässt, jährlich die Erinnerungsstätte für den großen Ökonomen zu besuchen.

Auch in seinem "Zweitberuf", wie Bosch es nannte, dem Ehrenamt des Geschichtsvereins-Geschäftsführers, habe Gemeinhardt mit Blick auf die von ihm verantworteten "Reutlinger Geschichtsblätter" stets "eine perfekte Arbeit" abgeliefert. Bosch lobte vor allem Gemeinhardts ausgeprägte Fähigkeiten der akribischen Arbeit und der gründlichen, fundierten Recherche.

Trotz seiner an sich zurückhaltenden und reservierten Art habe der Stadtarchiv-Direktor in sehr kommunikativer Weise ein Netzwerk aufgebaut, in das das Rathaus immer eingebunden gewesen sei. Und das ging bis hin zur Kooperation mit der städtischen Berufsfeuerwehr als es einmal galt, hochexplosive Negativ-Filme aus den 30er Jahren aus dem Archiv zu bergen, um diese unschädlich machen zu lassen.

Mehr als einmal wurde an dem Abend in den Räumen der Volkshochschule auch darauf eingegangen, dass es Gemeinhardt und seinem Team zu verdanken war, dass in Reutlingen - lange hatte es gedauert - die NS-Zeit mit unverstelltem Blick und ohne falsche Rücksichtnahme aufgearbeitet wurde.

Gemeinhardt sagte am Dienstag hierzu: "Das war längst überfällig - und für mich am wichtigsten, aber auch am schwierigsten." Gemeinhardt erinnerte dabei an Publikationen, dass selbst in den 1970er Jahren die Namen von Reutlinger Nazi-Größen geschwärzt worden waren oder aber deren Nachnamen nur abgekürzt erscheinen durften. Wilhelm Bort fasste zusammen: "Gemeinhardt hat hier auf beispielhafte Weise lokalpolitische Vergangenheitsbewältigung geleistet."

Dr. Ulrich Bausch, der als VHS-Chef an dem Abend auch seinen Vorgänger Hans Haußmann begrüßen durfte, zeigte sich überaus froh darüber, in welch umfangreichem Maße der Geschichtsverein und namentlich Heinz Alfred Gemeinhardt das Angebot der Bildungsstätte bereichern. Kreisarchivarin Dr. Irmtraud Betz-Wischnath zeigte die Berührungspunkte zwischen der historischen Arbeit auf Kreis- und kommunaler Ebene auf.

An Heinz Alfred Gemeinhardt war es schließlich, den 50. Band der bundesweit sehr beachteten Reutlinger Geschichtsblätter vorzustellen, die ab heute erhältlich sind.

Er bedankte sich reichlich bei allen, die ihn über dieses Vierteljahrhundert - für ihn wars ja nur ein "Wimpernschlag" - unterstützt hatten und fasste seine Arbeit zusammen mit den Worten: "Der Archivar ist die Spinne im Netz der historischen Überlieferung."