Fast 130 Gänse und Ganter watscheln erstaunlich schnell und mit lautem Geschnatter in Richtung Pool. Ausgiebiges Baden in dem kleinen Teich auf dem Drei Birkenhof ist eines ihrer Hobbys. Dass es an diesem Novembermorgen frostig und klamm ist, scheint sie nicht zu stören. Und auch die Tatsache, dass seit dem Vortag 33 Tiere so mir nichts, dir nichts aus der Herde verschwunden sind, wirft die Rest-Truppe offenbar nicht aus der Bahn. Allerdings wissen sie auch nicht, dass die 33 Federviecher, die abgängig sind, keine 50 Meter entfernt Vakuum-verpackt, federlos und blutleer im Kühlhaus liegen und demnächst gemeinsam mit Knödeln und Blaukraut auf den Tellern der Kunden des Drei Birkenhofs landen. Denn kurz vor dem 11. November, dem Martinstag, ist dort alljährlich das erste große Schlachten angesagt. „Das Zweite folgt vor Weihnachten,“ erklärt Markus Kern, der zusammen mit seiner Frau Stefanie den Hof am Rommelsbacher Ortseingang betreibt.

Im Alter von drei Wochen kommen sie auf den Hof

Der Abschied von den 33 Gänsen in der vergangenen Woche ist Kern nicht gerade leicht gefallen. Immerhin haben der Bauer und die Federviecher ein halbes Jahr ihres Lebens zusammen verbracht. „Wir bekommen die Tiere normalerweise im Juni aus Norddeutschland geliefert, wenn sie drei Wochen alt sind und päppeln sie dann auf“, erzählt er. Die Vogelbabys sind dann noch ziemlich hilflos und dürfen nicht nass werden, weil sie sonst auskühlen würden. „Wenn sie noch so kleine Knäuel sind, dann kümmert sich meine Frau intensiv um sie“. Denn manche der jungen Gänse werden von den anderen regelrecht gemobbt und müssen sogar in einen Extra-Stall, ins „Lazarett“, wie die Kerns die Hütte nennen. Erst nach fünf bis sechs Wochen sind die Federn robust genug, um Wasser abzuweisen. Dann geht’s nach und nach immer länger raus auf die Weide. Im Pool und an der Tränke bekommen die Tiere Wasser, dazu gibt’s jede Menge Gras und ein Spezialfutter, dass die Kerns, die auch noch von der Schweinemast, der Hühnerhaltung und dem Hofladen leben, selbst für die Gänse herstellen. „Uns ist es wichtig, dass es den Tieren gut geht, dass sie hier glücklich sind und ein schönes Leben haben“, betont der Landwirt. „Unsere Gänse haben viel Bewegung, sie sind stark und temperamentvoll.“

Gefestigter Sozialverbund

Die Gänse, die unter Ihresgleichen eh schon recht gesellig sind und in einem gefestigten Sozialverbund leben, haben bei den Kerns praktisch Familienanschluss. „Und weil wir mit den Tieren respektvoll und achtsam umgehen, bringen wir sie natürlich auch selbst zum Schlachter und begleiten sie bis zum Tod“, berichtet der Bauer. „Die Gänse werden erst elektrisch betäubt, dann werden sie in den Hals gestochen, kommen kopfüber in einen Trichter und bluten in wenigen Sekunden komplett aus“, erklärt Kern, der sich sicher ist, dass die Vögel beim Antransport nichts von dem ahnen, was da beim Schlachter auf sie zukommt. „Ich hatte noch nie das Gefühl, dass sie Angst haben“. An ihm selbst gehen die Schlachttage allerdings nicht spurlos vorüber. „Das Ganze steckt man nicht so leicht weg“, sagt er.

Gerupft und ausgeblutet

Sind die Tiere erst mal ausgeblutet, werden sie mehrmals in 57 Grad warmes Wasser getaucht, gerupft, geputzt und ausgenommen und kehren dann auf den Drei-Birkenhof zurück. Die meisten von ihnen sind bereits vorbestellt – wobei das Geschäft mit den Martinsgänsen leicht rückläufig ist. „Wir haben diesmal weniger Tiere geschlachtet als in den Vorjahren“, berichtet der Rommelsbacher Landwirt. Woran das liegt, weiß er auch nicht so genau. Tatsache ist allerdings, dass polnische Gänse deutlich billiger sind. Dass die Vögel auf dem Drei-Birkenhof ein gutes halbes Jahr umsorgt und bestens verpflegt werden, dass die Familie viel Zeit und Geld in sie investiert und das Fleisch magerer ist, weil die Gänse viel Bewegung haben, schlägt sich im Preis nieder. Günstiger zu produzieren wäre allerdings keine Alternative. Achtsamkeit und respektvoller Umgang mit den Tieren sind den Kerns wichtiger.

Stress rund um den Martinstag

Die Familie selbst hat übrigens rund um den Martinstag kaum Zeit, eine Gans zuzubereiten. „Da ist bei uns zu viel los“, sagt der Landwirt und muss lächeln, weil er sich an ein Gansessen erinnert, bei dem seine Kinder noch klein waren. „Die beiden haben früher um Weihnachten herum immer gefragt, wo die Gänse alle hin sind. Weil wir den Kindern nicht sagen wollten, dass alle geschlachtet wurden, haben wir ihnen erzählt, dass die Tiere vor Weihnachten in den Urlaub gefahren sind und erst im Juni wieder kommen“. Das, so Kern, sei so lange gut gegangen, bis sein Sohn eines Tages wissen wollte, „was wir denn dann gerade essen, wenn die Gänse alle in die Ferien gefahren sind“. Da hat die Realität das Familienleben dann recht schnell eingeholt. Wobei das Urlaubsmärchen durchaus seinen Charme hat. Und vielleicht glauben die Rest-Gänse auf dem Drei Birkenhof ja immer noch, dass 33 ihrer Freundinnen in der vergangenen Woche nicht zum Schlachter, sondern in die Ferien gefahren sind.

Weshalb es zum Martinstag Gänsebraten gibt


Das Geschnatter der Gänse soll einst den Heiligen Martin verraten haben, als er sich bei ihnen versteckte, um nicht zum Bischof geweiht zu werden – das ist die eine Erklärung dafür, dass am St.-Martins-Tag Gänse gegessen werden. Es gibt allerdings noch eine zweite Begründung dafür, dass ab dem 11. November Gänse auf den Tisch kommen. Denn zu dem Zeitpunkt haben früher die Mägde und Knechte ihre Arbeitsplätze gewechselt, weil das bäuerliche Jahr zu Ende ging. Beschenkt wurden sie zum Abschied mit Gänsen. lyn