Naturtheater Marode, alt und viel zu klein

Reutlingen / Von Evelyn Rupprecht 06.07.2018

Die Balken biegen sich nicht nur sprichwörtlich. Sie tun es tatsächlich. Der Boden ist ein einziges Wellental, die über 70 Jahre alte Bausubstanz marode. Vom Brandschutz ganz zu schweigen. „Und abgesehen davon platzen wir hier aus allen Nähten“: Rainer Kurze hat gute Argumente dafür, dass das Naturtheater sich ausdehnen muss. Beide Häuser auf dem Gelände – sowohl der Verwaltungssitz als auch die ehemalige Gaststätte – sollen komplett abgerissen, teils weiter unterkellert und dann ganz neu aufgebaut werden. Große Pläne mit einem nicht minder beeindruckenden Investitionsvolumen in Höhe von mehreren Millionen Euro.

Der Erste Vorsitzende des Theatervereins weiß nur zu gut um das Risiko, das die geplante Erweiterung mit sich bringt. „Aber wir sind in einer Notsituation. Es muss etwas passieren“, sagt er und hat damit auch die Vereinsmitglieder hinter sich, die einstimmig für das Projekt votiert haben – das sie allerdings auch in Zugzwang bringt. „Wir sind zu erfolgreichen Spielzeiten verdammt“, gibt Kurze die Marschroute vor. 30 000 Besucher kommen derzeit pro Saison. 1000 Plätze wollen Abend für Abend gefüllt sein. Dazu allerdings brauchen auch die gut 120 Aktiven, die jedes Wochenende ehrenamtlich im Naturtheater arbeiten, genügend Raum. Einen Bedarf von 1600 Quadratmetern hat der Verein errechnet. Das sind 900 Quadratmeter mehr, als ihm jetzt zur Verfügung stehen. Das bauliche Wachstum, das zwar nicht mehr Grundfläche verbraucht, dafür aber etwas in die Höhe geht, will indes finanziert sein.

„Eine Million Euro wollen wir an Eigenmitteln einfließen lassen“, erklärt Rainer Kurze. Die Summe soll  über Spenden, eine Bausteinaktion, die im kommenden Jahr beginnt, und über den laufenden Spielbetrieb zusammenkommen. Die Investition zu stemmen, wird aber schon allein deshalb kein leichtes Unterfangen sein, weil der Verein bis zum Jahr 2027 Verbindlichkeiten abzutragen hat, die ihn seit dem Bau  der neuen Zuschauerhalle und des Kassenbereichs vor zehn Jahren belasten.

Dazu kommt noch, dass 60 000 Euro allein bisher schon in die Planungen fürs neue Projekt geflossen sind. Eine erkleckliche Summe. „Deshalb haben wir nun bei der Stadt auch einen Antrag auf finanzielle Unterstützung in der Planungsphase gestellt. Bis Ende Juli, so  hoffen wir, fällt eine Entscheidung im Gemeinderat“, sagt der Vereinsvorsitzende. Freilich steht die weitaus größere Summe in Höhe von einer Million Euro, die die Stadt später dazugeben soll, dann noch immer im Raum. Im Doppelhaushalt 2019/20 könnte sie, wenn aus Sicht des Theatervereins alles gut geht, als kommunaler Zuschuss für das Projekt auftauchen.

Um an weitere Zuschüsse zu kommen und den Entscheidern klarzumachen, wie unumgänglich die Neubauten sind, hat der Verein bereits einiges unternommen. Die Gespräche mit der Stadt laufen, genauso wie die mit den Landtagsabgeordneten und dem Kreis, um die Möglichkeit von Sondermitteln auszuloten.

 Doch nicht nur wegen der Finanzierung rauchen beim Theaterverein die Köpfe. Auch die Raumplanung ist eine Herausforderung. Zuerst muss die ehemalige Gaststätte weichen. Ein Neubau, glauben Kurze und seine Mitstreiter, sei wirtschaftlicher. Kostümfundus und -verleih, Schneiderei und Lager, Ticketverkauf, Verwaltung, Umkleiden und Räume für die Jugend sollen am Platz der einstigen „Waldesslust“ entstehen. Ist der Neubau fertig, soll das jetzige Betriebsgebäude abgerissen werden. Dort könnte später „ganzjährig Kultur stattfinden“. Weshalb unter anderem eine Bühne und ein Saal mit 150 bis 180 Sitzplätzen in dem zweiten Neubau eingeplant sind. Unter dessen Dach könnten auch andere Kulturträger Veranstaltungen anbieten, zudem ist angedacht, dass der Landesverband der Amateurtheater hier Schulungen und Workshops  macht und auch die Sondelfinger Theatergruppe „D’Moo’spritzer“ würde wohl beim Naturtheater ein dauerhaftes neues Zuhause finden. „Mit ihnen laufen seit einiger Zeit Gespräche“, berichtet Kurze.

2019 will der Verein mit seinem Projekt beginnen, das sechs Jahre Bauzeit in Anspruch nehmen wird. Ein Vorhaben, um das das Amateurtheater kaum herumkommt.  Denn lange werden die beiden Altbauten nicht mehr durchhalten. Und auch die Aktiven dürften irgendwann schlapp machen in der drangvollen Enge der noch bestehenden Häuser. Deshalb ist Kurze überzeugt: „Wir können nicht den Kopf in den Sand stecken, wir müssen handeln“.

Der Biergarten: ein Modellprojekt

Eigentlich, so Rainer Kurze, hätte die „Waldesslust“ noch bis Oktober 2018 in der Naturtheater-Gaststätte bleiben können. Der Pächter hat es allerdings vorgezogen, bereits Ende 2017 auszuziehen. Was wiederum den Theater-Verein auf den Plan gerufen hat. „Wir dachten an eine Art Sommerbetrieb“, erklärt der Vereinsvorsitzende. Der Kontakt zum aktuellen Pächter Julian Brennessel ist dann eher zufällig zustande gekommen. „Sein Vater hat mich in der Stadt angesprochen“, erinnert sich Kurze. Daraus erwuchs eine Kooperation, die im Mai begonnen hat und bis Oktober dauern soll. Brennessel, ein gelernter Bäcker aus Pfullingen, öffnet den Biergarten jetzt immer dienstags bis sonntags – allerdings nur bei gutem Wetter, weil der Innenbereich geschlossen ist. Steht der Neubau später einmal anstelle der alten Gaststätte, könnte der Biergarten weiter betrieben werden. lyn

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