Reutlingen Man kann die Schuld für die Niederlage nicht abwälzen

Bledion Pierva Kickboxen
© Foto: Pierva
Einmal privat und einmal in der Arena: Bledion Pireva beim Gespräch in einem Restaurant (oben) und nach seinem WM-Kampf. Zweiter rechts neben ihm: sein langjähriger Trainer.
© Foto: Giovanni de Nitto
Von Kathrin Kammerer

Jung, ehrgeizig, erfolgreich und aus der Region Neckar-Alb: Bledion Pireva ist Kickbox-Weltmeister – ein Sport, bei dem man sich viele Blessuren zuzieht. Was reizt ihn daran?

Seit fast einem Jahr ist Bledion Pierva (23) Weltmeister. Genauer gesagt: Kickbox-Weltmeister in der Gewichtsklasse bis 72,5 Kilogramm im Weltverband AFSO (All Fighting System Organisation). Mit 16 Jahren hat Pierva eine Ausbildung zum Sport- und Fitnesskaufmann gemacht. Nach der Ausbildung arbeitete er zuerst im Fitnessstudio, dann eine Zeit lang als Barkeeper, dann wieder im Fitnessstudio.

Erzähl: Wie wird man Kickbox-Weltmeister?

Ich bin durch meinen Bruder zum Kickboxen gekommen. Seit ich 16 bin trainiere ich, mit 17 hatte ich meinen ersten Kampf. Je mehr Kämpfe man gewinnt, desto höher steigt man in der Rangliste. Ich habe sechs Jahre gekämpft, bis ich meinen ersten WM-Titel im Halbprofibereich geholt habe im vergangenen April.

Wie ist die Atmosphäre bei so einem Kampf?

Also im Saal ist eine riesige Stimmung. Als ich bei meinem WM-Kampf eingelaufen bin, war das eines der besten Gefühle, das ich je hatte. Man weiß, dass man hundertfünfzig Prozent geben muss. Aber man realisiert den Trubel gar nicht so richtig, man ist wie in einem Tunnel und man blendet das aus. Nur die Stimme von meinem Trainer kann ich herausfiltern, den kenne ich nämlich mittlerweile so gut.

Und wie fühlt man sich nach dem Kampf?

Da tut einem echt alles weh, wenn das Adrenalin verschwindet. Das beginnt meistens in der Dusche, wenn man weiß, dass jetzt echt alles vorbei ist.

Wie sieht es mit dem Verletzungsrisiko aus?

Ich hatte schon eine gebrochene Nase und eine Schienbeinknochenentzündung, man hat auch Knieschmerzen. Am Meniskus hatte ich Gott sei Dank noch nichts. Naja, und Platzwunden sind eigentlich das Schlimmste, das man sich zuziehen kann. Zum Glück hatte ich noch keine.

Wann endet so ein Kampf? Also wie lange dauert das maximal?

Also normal dauern die Kämpfe drei mal drei Minuten, Titelkämpfe dauern fünf mal drei Minuten. Oder es ist eben vorbei, wenn einer k.o. geht. Das war bei mir zwei Mal: Einmal bei der gebrochenen Nase, da ging es einfach nicht mehr weiter, und einmal hab ich mir die Rippe angebrochen.

Hört sich schon brutal an. Was reizt dich denn am Kickboxen?

Das ist halt nicht wie Fußball beispielsweise: Du kannst die Schuld für deine Niederlage nicht auf andere Leute schieben. Du bist ganz alleine für dich selbst verantwortlich. Du stehst im Ring und man merkt sofort, ob du trainiert hast oder nicht. Du bist ganz alleine verantwortlich für deinen Erfolg.

Wo kann man hier in Reutlingen kickboxen?

Also wir haben in Sondelfingen angefangen, im Karatestudio, dann sind wir ins Easy Sports. Ich hab seit Beginn denselben Trainer, Alex Maciejewski. Jetzt trainiere ich im Oneteam  Kampfsportgym.

Erzähl mal von deinem Trainingspensum.

Also pro Woche trainiere ich fünf bis sechs Mal, je eineinhalb bis zwei Stunden. Ich mache viel Kraft-Ausdauer-Training. Zu viel Muskelaufbau ist im Kickboxen nicht gut, das merkt man schnell im Kampf: Wenn man zu viel Muskeln hat, verbrauchen die zu viel Sauerstoff und man ist schnell kaputt.

Video Bledion Pireva - Der Weltmeister

Wie viel Zeit geht neben dem Training für diesen Sport drauf?

Man muss viel auf seine Ernährung achten – nicht dass man mehr wiegt, als die Gewichtsklasse erlaubt. Sonst darf man nicht kämpfen oder zahlt eine Strafe. Viele müssen kurz vor dem Kampf nochmal radikal abnehmen. Ich hab mal in zwei Tagen neun Kilo abgenommen.

Wie geht das?

Entwässern, schwitzen, Brenneseltee trinken und man darf kaum was essen.

Das ist doch super ungesund!

Ja, deswegen beginne ich jetzt auch damit, sechs Wochen vor dem Kampf auf meine Ernährung zu achten. So dass ich zwei Wochen vor dem Kampf nur höchstens noch ein halbes Kilo verlieren muss. Das Ausschwitzen macht einen kraftlos, man ist einfach nicht fit für den Kampf. Das ist nicht gut.

Hauptberuflich arbeitest du in einem Fitnessstudio in Tübingen. Dein ganzes Leben dreht sich also um Sport. Hängt einem das nicht irgendwann zum Hals raus?

Nach dem Kampf versuche ich schon, zwei bis drei Wochen nichts sportliches zu machen. Also außer der Arbeit natürlich. Ich esse dann alles, was ich will, ich versuche, alles ein bisschen lockerer zu sehen. Und danach fällt es auch leichter, wieder Vollgas zu geben.

Verändert einen dieser Sport auch außerhalb des Ringes?

Ja, man ist viel selbstbewusster, man hat nicht mehr so viel Angst vor vielen Dingen. Einfach weil man weiß, wie es ist, in den Ring zu steigen und wie es ist, zu gewinnen.

Was sagen eigentlich deine Eltern zum Kickboxen?

Also mein Vater sagt mittlerweile nichts mehr, aber meine Mutter hat immer noch viel Angst. Ich darf mir jedes Mal was anhören, wenn ich einen blauen Fleck habe. Die gebrochene Nase konnte sie sich eine Woche nicht anschauen, die wurde dann auch richtig dick und blau. Meine Mama schaut sich die Kämpfe erst im Nachhinein an, wenn sie weiß, dass ich gewonnen hab.

Aber ich habe schon sehr viel Rückhalt von meinen Freunden und meinen Brüdern auch. Dafür bin ich sehr dankbar.

Wen man mal Weltmeister ist – hat man dann nicht alles erreicht?

Naja, im Halbprofibereich habe mit der Weltmeisterschaft alles geholt, aber jetzt hab ich im Profibereich angefangen.

Im Amateurbereich kämpft man noch mit Vollschutz. Im Halbprofibereich sind beispielsweise keine Knie zum Kopf erlaubt, man verdient auch noch nicht so viel Geld. Und jetzt, im Profibereich, stimmt das Geld und man kann sich seine Gegner beispielsweise nicht mehr aussuchen. Im Februar stehen im Profibereich zwei Kämpfe an und im Mai kämpfe ich um die Deutsche Meisterschaft in diesem Bereich.