Fußball Mamma Laura fiebert mit Figlio Paolo

Reutlingen / JÜRGEN HERDIN 15.07.2016
So professionell organisiert wie bei den „Großen“ – und ein Fest für über 4000 Schüler: Das EM-Spiel Italien gegen Österreich im Kreuzeichestadion.

„Wir hatten noch relativ viel Geld in der Klassenkasse“, verrät die zwölfjährige Maja. „Und so haben wir uns entschieden für den Klassenausflug nach Reutlingen zum Fußballspiel“, ergänzt Michelle. Sie gehören zu einer Gruppe von Jungs und Mädchen des Graf-Eberhard-Gymnasiums Bad Urach.

„Das Spiel hat uns schon deshalb interessiert, weil wir an der Schule  bald eine Mini-EM haben,  und da spielen auch wir Mädchen mit“, sagt Michelle. Nancy (11) nickt dabei ebenso zustimmend wie Diesa (11) und Giuliana (12). Der Name verrät’s: „Ich bin natürlich für Italien“. Und viele andere Mädels pflichten ihr lautmalerisch bei: „I-taa-lija“.

„Außenseiter“ in dieser Runde ist zweifelsohne Marvin. „Ich bin zu einem Viertel Österreicher“, sagt der Elfjährige überaus selbstbewusst. Alle waren sie schon in größeren Stadien, so Ole (12) aus Walddorfhäslach, der heuer wieder ins Camp Nou nach Barcelona will.

Über 4000 Schüler strömten gestern ins Kreuzeichestadion zum Junioren-Länderspiel Italien gegen Österreich, allein 1200 Karten hatte die Stadt Reutlingen reserviert. Die zahlenmäßig stärkste Abordnung stellte mit über 250 die Hoffmann-Schule in Betzingen, gefolgt vom Uracher Gymnasium mit 237 jungen Fans. Verkauft wurden gestern 5279 Tickets. Für das Deutschland-Spiel gegen die „Ösis“ am Sonntag gingen schon 12?500 Karten über die Theke.

Für viele Buben und Mädchen aus der Region war es gestern ein Wandertag der Extraklasse: Für laue zwei Euro gab’s Tribünenplätze mit nummerierten Sitzen wie im Theater. Reinschnuppern durften sie so in die große Welt des Fußballs – mit allem Drum und Dran: Fahnen, Hymnen, packende Spielszenen und Sicherheitsleuten, die so ernst dreinblickten wie Österreichs Torhüter Paul Gartler nach dem 1:1-Freistoß des Italieners Manuel Locatelli. „Der wird nicht umsonst ‚der keine Pirlo’ genannt“, weiß Stadionsprecher Wolfgang Gattiker. Der erklärte dem Publikum auch, dass die Italiener wegen des Zugunglücks bei Bari mit Trauerflor spielten – und rief eine Schweigeminute aus.

Die Fußball-Europameisterschaft für die wichtigsten Nachwuchstalente der jeweiligen Länder findet heuer in Baden-Württemberg statt. Älter als 19 Jahre durften die Spieler zur Zeit der Qualifiaktion aber noch nicht gewesen sein, darum heißt das Turnier ja auch „U-19“.

Altersbedingt hatten die meisten der Kicker gestern jedoch nicht ihre Spielerfrauen dabei, sondern Mama und Papa. So auch Österreichs Verteidiger Maximilian Wöber, den Mutter Sabine und die Fans „Maxi“ rufen. Der junge Mann ist im Profi-Kader von SK Rapid Wien. Die Eltern mit Vater Andi reisen ihm auch hinterher, wenn es einmal wieder international zur Sache geht. Eine große Österreich-Fahne haben sie freilich immer dabei.

Auch Angelika und Peter Gartler sind schwer auf Achse. Aus der Steiermark sind sie angereist. Ihr Filius Paul steht im  Tor des Teams aus der Alpenrepublik. Gut hatte es in Sachen Reisen und Unterkunft Robert Posch. Sohnemann Stefan, rechter Innenverteidiger im U-19-Nationalteam, spielt in Deutschland beim Bundesligisten TSG Hoffenheim. „Ich bin auch sonst bei jedem deren Heimspiele beim Buben“. Und jetzt bei der EM war’s natürlich von Nordbaden nur ein Katzensprung nach Reutlingen.

Roberto und Laura Ghilione sind aus Mailand eingeflogen, um mitzufiebern und um ihren Sohnemann Paolo anzufeuern, der Linksaußen spielt. Und wie Klaus und Claudia Gmeiner geht es vielen Spielereltern. Bei bis zu 15 internationalen Spielen pro Jahr spulen sie tausende Kilometer runter, jetten durch Europa. Bei den Liga-Spielen in Deutschland haben es die Gmeiners aus dem nahen Vorarlberg einfacher. Ihr Sohn Fabian kickt beim VfB Stuttgart.

In den Katakomben des Stadions verteilen derweil Tanja Michels und Tamara Willauer, sie sind Azubis bei der Stadt, die Aufstellung, die zuvor SSV-Geschäftsstellenleiter Walter Warth kopiert hat. Die Hierarchien sind bei diesem Unternehmen „U-19-EM“ klar verteilt. Auch wenn man natürlich Hand in Hand arbeitet: Das Sagen hat die UEFA. Die beauftragte den DFB, organisatorisch die Fäden in der Hand zu halten. Und der SSV Reutlingen sorgte für zahlreiche Freiwillige, macht die Arbeit vor Ort. Hinzu kommen Dutzende Sicherheitsleute.

Platz genommen auf den Rängen hat nun auch Tom Mohan, Trainer der U-19 aus Irland. „Fast alle meine Jungs stehen in England unter Vertrag“, sagt er stolz. Tyreke Wilson schaffte es zum Erstligisten Manchester City, Conor Masterson verdient sein Geld in Liverpool.

Stichwort „junge Talente“: Nirgendwo sind so viele „Scouts“ namhafter Vereine in den Stadien wie bei solchen Meisterschaften. Und sie verstecken sich dort gerne, sind wortkarg. Die Scouts sichten Nachwuchs, der bei ihnen im Profi-Verein bald schon millionenschwer sein kann. Acht Spieler der deutschen U-19, die 2004 bei der siegreichen EM  in Ungarn dabei waren, spielen nun in der Bundesliga, so auch Nationalspieler Joshua Kimmich (21).

In Reutlingen gesichtet wurde gestern unter anderem der „Chef-Kopfjäger“ des FC Bayern München, Michael Reschke. Auch ausgemacht  wurde Wolfgang „Pius“ Geiger, der schon für Hoffenheim nach jungen Cracks Ausschau hielt, heute „fahndet“ der gebürtige Kiebinger im Auftrag des Bundesliga-Aufsteigers RB Leipzig von Ralf Rangnick – in Reutlingen kein Unbekannter.